Unternehmensinsolvenzen: „Das wird sicher nicht so bleiben“

Interview
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist so niedrig wie lange nicht. Das wird aber nicht so bleiben. Weshalb – darüber sprachen wir mit Jörg Rossen, Geschäftsführer der Creditreform Bonn Trier Rossen Eberhard GmbH & Co. KG, und Moritz von Padberg, Geschäftsführer der Creditreform Köln v. Padberg GmbH & Co. KG.

Wie schätzen Sie die aktuelle Insolvenzlage für Deutschland und für die Metropolregion Köln/Bonn ein?

Rossen: Sowohl in Deutschland als auch in der Region Köln/Bonn befinden wir uns bei den Unternehmensinsolvenzen auf einem historisch niedrigen Niveau. Das wird sicher nicht so bleiben. Wir rechnen nicht damit, dass die Zahlen weiter abnehmen, im Gegenteil. In Deutschland zeigt sich bereits ein moderater Anstieg von plus vier Prozent auf 14.700 Fälle. Damit ist der kontinuierliche Rückgang der vergangenen Jahre erst einmal gestoppt.
Padberg: Der Anstieg erfolgte im Wesentlichen im letzten Quartal des vergangenen Jahres. Dass sich dieser Trend 2023 fortsetzt, halte ich für wahrscheinlich. Ich rechne mit einer Zunahme der Unternehmensinsolvenzen in den kommenden Monaten.

Weshalb glauben Sie das?

Rossen: In Österreich und der Schweiz ist die Insolvenzentwicklung der in Deutschland um einiges voraus. Dort sehen wir bereits heute eine deutliche Zunahme von Unternehmensinsolvenzen. Die relativen Zuwächse dort sind hoch. Dabei werden Risikofaktoren sichtbar, die auch bei uns eine wachsende Rolle spielen.

Welche sind das?

Padberg: Als wesentliche Risikofaktoren sehen wir die Inflation, insbesondere die gestiegenen Energiepreise, und die teils heftig gestiegenen Preise im Einkauf. Hinzu kommt, dass sich nicht in allen Branchen und Unternehmen höhere Verkaufspreise durchsetzen lassen. Ein Problem stellen auch das steigende Zinsniveau, der Arbeits- und Fachkräftemangel sowie höhere Personalkosten dar.
Rossen: Die Aufzählung lässt sich fortsetzen. Wir sehen immer noch gerissene und gestörte Lieferketten, häufig auch eine unzureichende Digitalisierung und nicht mehr zeitgemäße Geschäftsmodelle. Zudem nimmt der Wettbewerb zu, wobei die Position hiesiger Unternehmen oft durch spezifische Standortnachteile geschwächt wird, seien es hohe Steuern und Abgaben, langsame Genehmigungsverfahren oder zunehmende Bürokratisierung.

Welche Branchen sind derzeit besonders gefährdet?

Rossen: Lassen Sie uns mit der Bauwirtschaft beginnen. Gut geht es vor allem den Unternehmen, die energetische Sanierungen durchführen. Im Hochbau sehen wir dagegen stornierte Projekte öffentlicher Auftraggeber. Zudem ist der Wohnungsbau fast zum Erliegen gekommen.
Padberg: Energieintensive Industrieunternehmen haben besonders zu kämpfen, auch weil die staatlichen Hilfsmaßnahmen der Energiepreisbremse ein bürokratisches Monster sind und die Gefahr besteht, dass sie keine Abhilfe schaffen. Viele Branchen können aktuell noch bestehende Aufträge abarbeiten. Neuaufträge sind aber teilweise auf einem historischen Tiefstand. Hier wird es absehbar zu Problemen kommen. Dies gilt z.B. für die Automobilbranche inklusive Zulieferer oder das Handwerk.

Wie sieht es in Gastronomie und Handel aus?

Rossen: In der Gastronomie hängt die weitere Entwicklung stark davon ab, ob die Betriebe die nötigen Arbeitskräfte finden. Was den Handel betrifft: Wenn der private Konsum wegen hoher Energiepreise und Inflation einbricht, hat das negative Auswirkungen auf den Einzelhandel. Hier entsteht schnell eine Abwärtsspirale, etwa wenn Vorjahreskollektionen noch nicht verkauft wurden und auf Lager liegen, man aber weiterhin hohe Mieten zahlen und die neuen Kollektionen vorfinanzieren muss. Zudem werden steigende E-Commerce-Umsätze für die Einzelhandelsgeschäfte zum Risiko, die nicht über einen adäquaten digitalen Vertriebskanal verfügen.

Und welche Unternehmensgrößen trifft es verstärkt?

Rossen: Nach allen verfügbaren Zahlen betreffen 75 Prozent aller Unternehmensinsolvenzen Betriebe mit fünf oder weniger Mitarbeitenden. Große Unternehmen in oder kurz vor der Insolvenz restrukturieren sich häufig in Eigenverwaltung. Das gelingt kleineren und mittleren Unternehmen eher weniger, es fehlt meist an entsprechendem Know-how, das Management schaltet häufig zu spät auf Krisenmodus.
Padberg: Problematisch kann es zudem für Unternehmen werden, die über eine hohe Fremdverschuldung verfügen. Wir beobachten derzeit eine regelrechte „Zins-Zäsur“ für die deutsche Wirtschaft. Selbst bei unveränderter Bonität steigen die Zinssätze für Firmenkredite beträchtlich. Die Niedrigzinsphase ist vorbei. Doch wie steht es um die Schuldentragfähigkeit der Unternehmen unter diesen geänderten Vorzeichen? Nicht gut: Fast 20 Prozent der fremdfinanzierten Unternehmen in Deutschland zeigen eine unzureichende Schuldentragfähigkeit! Dabei war bei der Untersuchung, aus der diese Zahl stammt, die aktuelle Zinswende noch nicht eingepreist. Sie wird also steigen.

Es geht aber nicht nur um Insolvenzen.

Padberg: Genau! Sondern auch um die sogenannten „stillen Heimgänge“. So haben es derzeit energieintensive Betriebe im Lebensmittelhandwerk, etwa Bäckereien und Metzgereien, aber auch die Gastronomie und der Einzelhandel besonders schwer. Hier beobachten wir zunehmend Fälle, wo es nicht um eine Insolvenz geht. Stattdessen kommt es immer öfter vor, dass es in solchen Betrieben keine Nachfolgeperspektive gibt. Der Unternehmer oder die Unternehmerin hat ein gewisses Alter erreicht, verfügt über ausreichende finanzielle Reserven und entscheidet sich angesichts schwieriger Rahmenbedingungen – Energiepreise, Arbeitskräftemangel, Bürokratie, gesetzliche Auflagen – und ungünstiger Zukunftsperspektive, das Unternehmen aufzugeben und zu liquidieren. Auf eine echte Unternehmensinsolvenz kommen 14 bis 15 solcher „stillen Heimgänge“.

Nochmal zu den Insolvenzen: In Corona-Zeiten dachte man, es gibt keine Firmenpleiten mehr. Warum hat sich die Lage nun geändert?

Rossen: Das niedrige Insolvenzniveau trotz anhaltender Krisen ist auf den ersten Blick ein „Paradox“. Auf den zweiten Blick wird deutlich: Es waren vor allem die staatlichen Hilfsmaßnahmen, die geholfen und ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Also die Sofort- und Überbrückungshilfen, KfW-Kredite und das Kurzarbeitergeld. Auch die „Aussetzung der Insolvenzantragspflicht“ bis Mai 2021 hat die Zahlen sinken lassen. Dennoch ist ein solch langfristiger Eingriff in die Mechanismen der Marktwirtschaft problematisch. Schließlich sind Insolvenzen auch ein Seismograph für den Zustand der Gesamtwirtschaft. Eine klare Bestandsaufnahme ist schon seit längerem nicht möglich, die aktuellen Daten sind irreführend. Weshalb? Weil schwache Unternehmen vorerst auf dem Markt bleiben. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit, der Strukturwandel wird verzögert, die Bilanzqualität sinkt. Mit anderen Worten: aufgeschoben
ist nicht aufgehoben. Gerade ohnehin geschwächte Unternehmen sind jetzt besonders gefährdet.

Würden Sie sagen, der Staat hat eine Insolvenzwelle verschleppt?

Padberg: Nein, das kann man so nicht sagen. Durch die staatlichen Maßnahmen wurden zahlreiche Unternehmen vor einer Insolvenz geschützt. 2021 hätten etwa 25.000 Unternehmen zusätzlich Insolvenz anmelden müssen, wenn es die staatlichen Hilfen nicht gegeben hätte. So hoch ist also in etwa der Insolvenzrückstau. Der Staat hat den Unternehmen also Zeit gegeben, die Effekte und Folgen der multiplen Krisen abzumildern. Dieses Handeln war wichtig und richtig.
Rossen: Ebenso wichtig ist aber, dass Hilfen zielgerichtet und zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen und nicht dauerhaft mit der Gießkanne verteilt werden. Hier sehen wir Tendenzen zu einer staatlichen Ausrichtung, die immer stärker negative Entwicklungen von den Unternehmen und Bürgern fernzuhalten versucht. Dies ist auf Dauer nicht finanzierbar und stellt gleichzeitig einen starken Eingriff in den Markt dar, der auch nicht dauerhaft umsetzbar ist. Wichtig wäre es gewesen, dass der Staat die durch die Hilfen gewonnene Zeit nutzt, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, sodass die Hilfen auch dauerhaft Wirkung zeigen und nicht nur eine zeitliche Verschiebung der Probleme verursachen.

Der Staat hat diese Zeit Ihrer Ansicht nach nicht genutzt?

Padberg: Leider nein. Er hat die strukturellen Rahmenbedingungen für Unternehmen nicht verbessert: So wurde beispielsweise das Steuersystem nicht reformiert. Wir sehen derzeit ein historisches Hoch bei den Steuereinnahmen. Deutschland hat kein Problem mit den Einnahmen, sondern ein Problem mit den Ausgaben. Somit geht die Diskussion um Steuererhöhungen fehl, das Anreizsystem der Leistungsträger droht zu kippen.
Rossen: Die wichtigen Investitionsthemen sind weiterhin ausgesetzt: Bildung – also Kitas, Kindergärten, Schulen, Universitäten –, Infrastruktur und Digitalisierung. Die Ausgaben des Staats sind überwiegend konsumtiv. Sie fließen in die Sozialsysteme und finanzieren die zunehmende Bürokratie, die immer weniger den Bürgern und Unternehmen dient und sich zunehmend selbst zu verwalten scheint.

Was empfehlen Sie den Unternehmen jetzt?

Padberg: Wichtig ist, dass sich Unternehmen in ihrer Position klar bewerten und ihre eigenen Entscheidungen treffen, insbesondere hinsichtlich der Risiken in ihren Geschäftspartnerbeziehungen sowie der Steuerung ihrer Liquidität aus Forderungen aus Lieferungen und Leistungen. Dabei unterstützt Creditreform Unternehmen in der Region Köln/Bonn mit Dienstleistungen, um die richtigen Kunden zu finden, die Bonität von Geschäftspartnern zu prüfen, Zahlungen einzufordern und die eigene Finanzkommunikation zu optimieren. Das ist jetzt wichtiger denn je, denn die gegenwärtigen
Krisen werden so schnell nicht enden.

Zum Schluss ein kleiner Blick in die Zukunft: Werden Ende 2023 weniger Unternehmen aktiv sein als jetzt?

Rossen: Aus Sicht von Creditreform ist es nach derzeitigem Kenntnisstand durchaus möglich, dass im Laufe dieses Jahres die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland von unter 15.000 auf bis zu 25.000 hochlaufen. Einen vergleichbaren relativen Trend erwarten wir auch für die Region Köln/Bonn.

Vielen Dank für das Interview.

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