Nachhaltige Wirtschaftspolitik ist eine Herausforderung für deutsche KMU

Schematische Darstellung der drei Aspekte von Nachhaltigkeit: Environmentl, Social, Governance

Die kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) sind eine der tragenden Säulen der deutschen Wirtschaft. Momentan leiden sie besonders unter den mannigfaltigen Problemen in diesem Bereich. Ob Fachkräftemangel, Energiepreise oder Ressourcenmangel: Der Druck steigt und viele Firmen arbeiten an ihrer Belastungsgrenze. Nun kommt durch die aktuelle europäische Gesetzgebung zur Nachhaltigkeit eine weitere Herausforderung auf die deutschen KMU zu. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die neuen Regularien bald über große Unternehmen hinaus erweitert werden. Eine Studie, die die Technische Universität München im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung durchführte, hat nun untersucht, welche Auswirkungen das haben könnte.

Aktuell Lage

Aktuell müssen schätzungsweise 15.000 der ca. 3,5 Millionen deutschen KMU unmittelbar die Berichtspflichten (Lieferkettengesetz) zur Nachhaltigkeit erfüllen. Viele weitere sind – z.B. als Zuliefererbetriebe für Großunternehmen – aber bereits indirekt von den Anforderungen betroffen. Auch sie müssen daher Informationen sammeln, aufbereiten und an ihre Geschäftspartner weitergeben. 2026 steht dann eine Erweiterung der neuen Regelungen an, wodurch noch mehr KMU betroffen sein werden. Sowohl die direkte Pflicht zur Berichterstattung als auch die mittelbare Beteiligung als Teil einer Wertschöpfungskette bedeuten für Unternehmen erhöhten finanziellen und personellen Aufwand.

ESG steht für Environmental, Social und Governance. Das sind die drei Grundkriterien der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit. Sie halten Unternehmen dazu an, ökologisch – also z.B. energieeffizient, ressourcenschonend und umweltfreundlich – zu handeln, auf soziale Aspekte (Arbeitsbedingungen, Sicherheit am Arbeitsplatz, Inklusion usw.) Rücksicht zu nehmen und von Seiten der Unternehmensführung geeignete Strukturen aufzubauen, die eine Einhaltung der geltenden Regeln gewährleisten.

KMU haben Nachteile

Die großen Unternehmen haben schon seit längerer Zeit die Pflicht, über ihre Einhaltung von ESG-Kriterien zu berichten. Deshalb haben sie bereits entsprechende Controlling-Strukturen und Prozesse aufgebaut, die den KMU häufig noch fehlen. Gleichzeitig erlauben ihre größeren finanziellen Reserven, eine bessere Kreditwürdigkeit und ihre generelle Marktmacht ihnen auch, mit den übrigen wirtschaftlichen Problemen besser fertig zu werden.

Eine wachsende Berichtspflicht führt bei KMU also zu hohem Kostenaufwand. Sie brauchen zum einen qualifiziertes Personal, zum anderen eine zuverlässige Softwarelösung, mit der die Berichte erstellt werden können. Da Personal schwierig zu finden ist und für die Auswahl der Softwarelösung digitales Know-how nötig ist, werden viele gezwungen sein, auf externe kostenintensive Beratung zurückzugreifen.

Außerdem ist gemäß der Studie längst nicht jedem Unternehmen klar, ob und inwiefern es von den Vorgaben betroffen sein wird. Es herrscht aktuell noch große Ungewissheit. Durch die parallel dazu angespannte wirtschaftliche Situation scheuen viele Firmen davor zurück, hier große Investitionen zu tätigen. Es steht zu befürchten, dass die Erweiterung der ESG-Anforderungen deshalb zu Schwierigkeiten führt.

ESG-Kriterien können zu Finanzierungsproblemen führen

Ein Problem könnte zukünftig auch die Unternehmensfinanzierung sein. Schon heute sind Banken dazu verpflichtet, bei ihren Kunden ESG-Informationen nachzufragen, etwa wenn es um die Beantragung von Krediten geht. Viele KMU können aufgrund der genannten Probleme solche Informationen aber nicht liefern. Banken müssen beispielsweise für das Geschäftsjahr 2022 erstmalig nachweisen, welchen Anteil nachhaltige Geschäfte an ihrem Geschäftsvolumen haben (Green Asset Ratio – GAR). Die aktuelle gesetzliche Regelung verhindert aber bis 2025, dass Kredite an KMU überhaupt in der GAR berücksichtigt werden. Das sorgt dafür, dass Banken weniger Anreize haben, den KMU finanzielle Mittel zu gewähren. Im schlimmsten Fall haben diese Firmen also einerseits erhöhte Kosten zu tragen, andererseits aber große Nachteile dabei, finanzielle Mittel für die notwendigen Investitionen zu erhalten.

Was können Staat und Unternehmen jetzt tun?

Der Gesetzgeber sollte nun frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um den deutschen Mittelstand bei der Bewältigung der anstehenden Herausforderungen zu unterstützen. Die Wettbewerbsfähigkeit der KMU muss im Interesse des Wirtschaftsstandorts bestehen bleiben.

Ein Schritt dazu wäre, die drohende Benachteiligung bei der Kreditvergabe durch eine Anpassung der Vorgaben zu verhindern. Außerdem sollten die Unternehmen frühzeitig darüber aufgeklärt werden, wer in welcher Weise betroffen sein wird. Nur dann haben sie die Chance, sich angemessen vorzubereiten, ohne dass es zu Chaos kommt. Der Gesetzgeber muss hier frühzeitig für klare Standards sorgen, an denen KMU sich orientieren können.

Die Unternehmen selbst sollten sich möglichst frühzeitig um den Aufbau von Strukturen kümmern, die zur Erhebung und Aufbereitung der ESG-Daten gebraucht werden. Es kann – sowohl hinsichtlich Finanzierung als auch Organisationsaufwand – nur von Vorteil sein, hier nicht zu lange zu warten, sofern die finanzielle Situation es erlaubt.

Autor

Karsten Köhler, Redakteur beim VSRW-Verlag

Weiterführende Informationen

Nachhaltigkeitskriterien im Mittelstand – Studie im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung e.V.


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