Wie Unternehmer Krisenzeiten überleben und gestärkt daraus hervorgehen

Skifahrer fährt Abhang hinunter.

Hohe Energiekosten, steigende Personalausgaben und ein deutlicher Zinsanstieg: Viele Unternehmen stecken in der Krise. Die Anzahl der Firmenpleiten in Deutschland nimmt stark zu. Es gab so viele Insolvenzen wie seit sieben Jahren nicht mehr. Die deutsche Wirtschaft steckt derzeit in einer Rezession und wird nach Prognose der meisten Forschungsinstitute im Gesamtjahr 2023 schrumpfen. Worauf müssen Unternehmer jetzt achten? Welche Eigenschaften sind essenziell? Josef Erlacher, Experte für Unternehmensentwicklung und paralympischer Profisportler, erklärt, wie Firmen erfolgreich mit Veränderungen umgehen und gestärkt aus Krisen hervorgehen können.

Warum reines Wachstum und günstige Produktionsbedingungen passé sind

Unternehmen haben in den vergangenen Jahren auf Kosteneinsparungen und Lean-Management gesetzt, ohne dabei die Risiken unterbrochener Lieferketten, die Steigerung von Rohstopreisen oder politische Auswirkungen von Kriegen zu berücksichtigen. Produktionen wurden in Länder mit vorteilhaften Lohnstrukturen und geringen Sozial- und Umweltstandards ausgelagert, um Kosten zu sparen. Gleichzeitig wirken sich politische und gesellschaftliche Konikte immer stärker auf den Erfolg von Unternehmen aus, was der Ukrainekrieg deutlich vor Augen führt. Die Sensibilität der Konsumenten für Umweltfragen und die Einhaltung von fairen Arbeitsbedingungen nehmen zu. Innovationen und die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen zwingen altbewährte Strukturen zum Umbruch.

Für Unternehmer wird es deshalb wichtiger, ganzheitlich und langfristig zu denken und nicht nur die günstigsten Produktionsbedingungen in den Mittelpunkt zu stellen oder auf ständiges Wachstum abzuzielen. Gesellschaftspolitische Entwicklungen müssen genauso berücksichtigt werden wie umweltrelevante Aspekte oder Veränderungen im Konsumverhalten. Besonders auch das „Wie“, also die Art in der Geschäfte heute in der vernetzten Welt abgewickelt werden, müssen Unternehmen mitgestalten.

Lassen Sie mich hier einen Vergleich aus meiner sportlichen Karriere als Skirennläufer anführen. In einem Skirennen geben die Tore die Richtung an. Um ein Skirennen erfolgreich zu bestreiten, gilt es vorausschauend zu fahren und alle Tore bis zum Ziel gut zu erwischen.

Bin ich zu gierig und fahre ein Tor zu direkt an, um Strecke zu sparen, schaffe ich oft das nächste Tor nicht mehr. Damit scheide ich aus. Fahre ich zu schnell in einen Steilhang, verliere ich die Bodenhaftung und kann den nächsten Richtungswechsel nicht mehr einleiten. Das gleiche gilt für die Mechanismen im Unternehmen. Ich muss Gefahren richtig einschätzen, um nicht auszuscheiden, und gleichzeitig schnell genug agieren, wenn die Verhältnisse es zulassen und Chancen zur Optimierung gegeben sind.

Risiken neu bewerten und Mut zur Probierkultur

Handwerkliche Fähigkeiten rücken immer mehr in den Hintergrund. Automatisierte Maschinen, Roboter und die Künstliche Intelligenz nehmen uns diese Aufgaben ab — das ist gut so, denn nur so kann Innovation entstehen. Zwingend müssen Unternehmer und Manager jedoch schneller auf Innovationen reagieren als noch vor zehn Jahren. Dabei stellen langfristige Investitionen in Gebäude, Maschinen und Anlagen ggf. auch ein Hindernis dabei dar, schnell agieren zu können.

Stattdessen werden Kommunikation und die Fähigkeit zur zwischenmenschlichen Interaktion immer wichtiger: Dabei dürfen unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Religionen keine Grenze mehr darstellen. Denn diese Faktoren sind es, die unser Verhalten im Verborgenen lenken und prägen.

Das oberste Ziel, als Unternehmer nur an Gewinnen gemessen zu werden, wird in Zukunft durch eine Vielzahl an Zielen ersetzt werden: Umweltschutz, Artenvielfalt, Energieezienz, Kreislaufwirtschaft und soziale Gerechtigkeit werden gleichberechtigt nebeneinander stehen.

Unternehmen benötigen finanziellen Spielraum, um neue Wege auszuprobieren. Gewinne sollten nur insoweit ausgeschüttet werden, dass immer noch genug Mittel in Forschung und Entwicklung fließen. Dabei ist es wichtig, imSinne einer „Probierkultur“ auch Fehler einzukalkulieren und zuzugestehen.

Risiken müssen neu bewertet werden: Was passiert bei unterbrochenen Lieferketten? Wie vermeide ich die Konzentrationen von Wissen und Können – z.B. in Hotspots wie der Chip-Produktion in Taiwan oder der Produktion von Medikamenten in Indien? Aus Kostengründen kann es sinnvoll sein, Standorte zusammenzulegen. Aus Sicht des Risikomanagements ist es wiederum sinnvoll, an verschiedenen Standorten zu produzieren, um flexibel und unabhängig zu bleiben. Hier muss immer eine Abwägung stattfinden.

Junge Menschen erleben derzeit, was die Entscheider von gestern erschaffen haben und was die Auswirkungen davon sind. Die Zerstörung der Umwelt und das immense Auseinanderklaffen der Wohlstandsschere zwischen Arm und Reich sind offensichtliche Beispiele. Es gilt neue Verhaltens-, Glaubens- und Denkansätze zu entwickeln, in denen die jungen Menschen eine wichtige Rolle spielen und die uns zu neuen Verhaltensmustern führen.

Das Denken in Marktanteilen, in Kostenführerschaft, in möglichst geringen Rohstopreisen und in Skaleneekten muss mit neuen Ansätzen ergänzt werden. Das Festhalten an Erreichtem und das Weitermachen wie bisher führen zum Untergang.

Drei Eigenschaften, die Unternehmer von einem Spitzensportler lernen können

Drei Fähigkeiten sind für Prosportler und Unternehmer gleichermaßen essenziell. Als Unternehmensberater mache ich immer wieder die Erfahrung, dass sie über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

  • Mut und Selbstvertrauen: Immer wieder Neues zu wagen, ist eine Eigenschaft, die mich im Skisport hat wachsen und erfolgreich werden lassen. Jede Rennpiste war eine Herausforderung. Jedes Mal gab es andere Schnee- und Wetterverhältnisse, auf die ich mich einstellen und einlassen musste. Das braucht Mut und die Bereitschaft, auch scheitern zu können. Deswegen plädiere ich für eine Probierkultur: mutig entscheiden, ausprobieren und immer wieder aufstehen.
  • Disziplin, Beharrlichkeit und Resilienz: Nur mit diesen Eigenschaften können Menschen Spitzenleistungen im Sport und in der Unternehmenswelt erbringen. Diese Fähigkeiten werden in der Managementliteratur wenig thematisiert, weil sie schwierig zu messen und damit nicht validierbar sind. Was ihre Wirksamkeit betrifft, sind sie nicht zu unterschätzen. So gibt es heute viele weltweit erfolgreiche Unternehmen, die vorher eine lange Durststecke mit Verlusten durchleben mussten.
  • Schnelligkeit und Flexibilität: Wir müssen in der Lage sein, auf ein dynamisches und sich innerhalb von Sekunden veränderndes Marktumfeld zu reagieren. Nicht mehr Unternehmensgröße oder Marktanteile werden in Zukunft über Erfolg entscheiden, sondern Unternehmen, die schnell und anpassungsfähig sind, werden den Ton angeben.

Die wichtigste Botschaft, die ich Unternehmern mit auf den Weg geben will, ist folgende: Die Umstände sind egal. Das Einzige, das zählt, ist die Antwort darauf.

Es geht um Eigenverantwortung. Begründet jemand sein Scheitern oder seine Handlung mit den äußeren Umständen, gibt er seine Entscheidungsmacht ab und weist die Schuld von sich. Die Umstände anzuführen, ist ein schlauer Trick, um selbst nicht nach Lösungen suchen zu müssen. Gleichzeitig treten wir dadurch auf der Stelle und überlassen anderen das Feld. Stattdessen geht es darum, die Umstände in die eigenen Lösungen mit einzubinden und mutig neue Wege zu gehen. Egal ob auf der Skipiste oder im Unternehmensumfeld.

Zur Person

Josef Erlacher

Josef Erlacher ist CEO einer Unternehmensberatung und Experte für Erfolgs-Mindsets. Er unterrichtet an der Salzburg Management Business School und am Steinbeis Center of Management and Technology. Seine Stärke zieht der ehemalige Profisportler aus seinem unbezwingbaren Willen, Grenzen zu überwinden. Obwohl er stark sehbehindert ist, stand er mehrmals als Skirennfahrer auf dem Siegerpodest bei den Paralympischen Spielen. Erlacher ist Speaker und Autor des Buchs „Der Erfolg liegt in deiner Hand“, das im Goldegg Verlag erschienen ist.

Mehr unter: www.josef-erlacher.com


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