Unternehmenswerte: Die neun Spielregeln nachhaltiger Innovation

Scheininnovationen und überstürzte Veränderungen schaden meist mehr als sie nützen. Sie untergraben die Zukunftsfähigkeit des Unternehmertums, das Vertrauen in eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft und führen nicht selten zum Untergang von Unternehmen. Darüber hinaus führen uns der Klimawandel und der jährlich früher eintretende Erdüberlastungstag auf breiter Front vor Augen, dass wir bezüglich Innovationen einen Quantensprung brauchen.

Wir leben Nachhaltigkeit nur als Kosmetik

Wirklich nützliche und nachhaltige Innovationen zu schaffen, ist eine hohe Kunst. Von echter Nachhaltigkeit sind wir heute nicht nur Meilen, sondern sprichwörtlich Lichtjahre entfernt.

Wollten wir ihr heute gerecht werden, würde unsere Wirtschaft kollabieren, denn sie ist seit der Industrialisierung auf grenzenlosen Konsum, Luxus, Gewinnmaximierung und stetiges Wachstum ausgerichtet. Im Interesse künftiger Generationen und unseres Planeten sind wir jetzt gezwungen, eine rasche Transformation hin zu echter Nachhaltigkeit zu meistern. Die Uhr tickt.

Wer es mit Nachhaltigkeit und Innovation ernst meint und nicht nur en vogue oder politisch korrekt sein will, muss sich intensiv damit auseinandersetzen. Denn ein unbekümmertes Weitermachen, ein Surfen auf der Modewelle dieser Buzzwords wird uns am Ende nicht retten. Wir brauchen völlig neue Wirtschaftsmodelle, nicht nur kosmetische Maßnahmen.

Nachhaltigkeit war schon vor 300 Jahren ein Thema

Der Begriff Nachhaltigkeit (englisch: Sustainability) leitet sich vom lateinischen Wort „sustinere“ (aufrechterhalten) ab. Als Schöpfer des Begriffs gilt Hans Carl von Carlowitz, ein kursächsischer Kammerrat. Er schlug 1713 eine nachhaltende Bewirtschaftung der Wälder vor, denn er war besorgt, weil der wachsende Holzhunger des Bergbaus die Wälder in einen desolaten Zustand versetzte. Seine Lösung: Zwischen der Ernte alter Bäume und dem Nachwachsen junger Bäume sollte ein Gleichgewicht geschaffen werden.

Für die damalige Zeit war das ein bahnbrechender Ansatz. Heutige Konzepte unterscheiden sich nicht wesentlich davon. Sie gehen davon aus, dass die beteiligten Natursysteme ein bestimmtes Maß an Ressourcennutzung dauerhaft verkraften können, ohne Schaden zu nehmen.

Steigende Erdbevölkerung als Problem

Dieser Ansatz, natürliche Ressourcen bis an die Grenzen des vermeintlich dauerhaft Tragbaren zu nutzen, greift jedoch zu kurz. Denn die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen und damit die Weltbevölkerung steigen stetig.

Im Jahr 1830 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung in Westeuropa 33 Jahre, im Jahr 1900 weltweit 31 Jahre. Die zweite industrielle Revolution brachte 1909 eine der wichtigsten Erfindungen hervor: die großindustrielle Herstellung von Kunstdünger durch Ammoniaksynthese, die den deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch von der BASF nach 20.000 Versuchen gelang.

Diese Errungenschaft wurde zu einer der wichtigsten Waffen im Kampf gegen die bis dahin übermächtige Geißel des Hungers. Sie ermöglichte innerhalb nur eines Jahrhunderts den exorbitanten Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung weltweit auf heute 73,4 Jahre. Damit ging eine Explosion der Weltbevölkerung einher. Im Jahr 1000 lebten nur rund 0,3 Milliarden Menschen auf der Erde, 1900 waren es 1,65 Milliarden und 1950 bereits 2,5 Milliarden. Inzwischen haben wir die 8-Milliarden-Grenze überschritten. Diese atemberaubende Entwicklung hat gravierende Auswirkungen auf die begrenzten natürlichen Ressourcen unseres Planeten.

Die Grenze der Belastbarkeit

Abgesehen davon, dass sich die Frage stellt, ob es überhaupt ethisch und moralisch vertretbar oder gar notwendig ist, die natürlichen Ressourcen maximal auszubeuten, wäre es ohnehin unklug, sie stets bis an die Grenze des gerade noch Erträglichen zu belasten. Denn wenn es zu einem fatalen Ereignis käme, würden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit riskieren, die Regenerationsfähigkeit der betroffenen natürlichen Systeme irreparabel zu schädigen. Dies erleben wir bereits heute in vielen Bereichen durch Übernutzung.

Innovation neu denken

Wir müssen endlich die Herangehensweise an Innovationen überdenken. Hierbei sind nicht nur die Wissenschaft und Politik gefordert, sondern vor allem auch das Unternehmertum als maßgeblicher Gestalter des praktischen Wirtschaftens.

Lernen wir doch von der Meisterin der Nachhaltigkeit – der Natur. Sie bescheidet sich nicht nur mit dem, was sie zum Überleben braucht, sondern unterhält ein symbiotisches System, welches ohne eine deklarierte Müllhalde auf dem Planeten auskommt. Darin befindet sich alles in einem Kreislauf, es gibt nichts, was nutz- oder wertlos wäre. Alles wird wieder- und weiterverwertet. Nur so ist es möglich, wahre Nachhaltigkeit zu leben.

Mikado und der Problemerhaltungssatz

Die hohe Kunst erfolgreicher nachhaltiger Innovation hat viel mit dem Mikado-Spiel gemein. Dabei geht es darum, von 41 chaotisch auf dem Tisch liegenden Holzstäbchen eines nach dem anderen zu entfernen, ohne dabei andere Stäbchen zu verschieben.

Der Energieerhaltungssatz der Physik besagt, dass es möglich ist, Energie in einem System in verschiedene Formen umzuwandeln, aber nicht, neue Energie zu erzeugen oder Energie zu vernichten. Ähnliches gilt für Veränderungen. Ich nenne das den Problemerhaltungssatz.

Man kann Probleme lösen, aber niemals isoliert und ohne Nebenwirkungen. Jede Problemlösung verschiebt in unserer komplexen Realität lediglich die Gegebenheiten und schafft dabei unweigerlich anderswo Veränderungen oder gar neue Probleme, weil alles mit allem zusammenhängt. Die Wissenschaft spricht hierbei von den Effekten zweiter oder dritter Ordnung, die es uns so schwer machen, die Dinge in ihrer letzten Konsequenz abzuschätzen.

Innovativ sein kann jeder. Innovations-und Verbesserungsansätze entstehen meist in bester Absicht. Wer aber hektisch handelt und Veränderungen zu schnell oder zu umfangreich durchführt, riskiert, dass aus seiner innovativen Idee keine Verbesserung, sondern eine Verschlimmbesserung resultiert. Die vermeintliche Problemlösung entpuppt sich dann als Quelle vieler neuer Probleme.

Seit dem 19. Jahrhundert haben wir durch Wissenschaft und Forschung den Anspruch, dass das Denken ein kreativer Akt ist. Was wir in unserer schnelllebigen Welt jedoch vernachlässigt haben, ist das Nachdenken, anders gesagt das Verdauen von Ideen. Das ist das eigentliche Problem. Dinge zu Ende zu denken, ist mühsam und kostet Zeit. Beides ist in unserer Zeit meist ungewünscht. Aber so funktioniert das Spiel nicht!

Neun Spielregeln gelingender nachhaltiger Innovation

  1. Kundennutzen: Achten Sie auf den von außen wahrgenommenen Kundennutzen! Er ist der Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens. Studien zeigen, dass rund 70 Prozent der Innovationen hier enttäuschen. Bei digitalen Innovationen ist die Quote noch schlechter.
  2. Die Mikado-Regel: Behalten Sie bei der Entwicklung von Innovationen und Verbesserungen immer die oberste Mikado- Spielregel im Hinterkopf: Bewegen Sie (möglichst) keine anderen „Stäbe“!
  3. Reflexion: Nehmen Sie sich die Zeit, sehr genau zu prüfen, für wen eine bestimmte Innovation sinnvoll ist und für wen sie das nicht ist bzw. wem sie womöglich sogar schadet. Fragen Sie sich: Was macht das, was bewirkt das, was löst das eigentlich aus, was passiert danach usw. Denn zur Innovation gehört unbedingt die Reflexion.
  4. Fächer-Analyse: Fächern Sie gerade bei der Entwicklung von Verbesserungen mit signifikanter Tragweite das ganze breite Spektrum der Auswirkungen anhand ausreichender Stichproben auf, um zu analysieren, was diese Innovation letztlich für Menschen, Wirtschaft, Natur und Umwelt bedeutet. Für suboptimale Nebenwirkungen sind hilfreiche Modifikationen oder flankierende Maßnahmen zu entwickeln, die deren Folgen abmildern.
  5. Vernetztes Denken: Bevor Sie einen Entwicklungsschritt abschließen, sollten Sie die Ergebnisse als Ganzes noch einmal abwägend in einen Zusammenhang stellen – und dann erst den Schritt vorwärtsgehen. Denn die nackte Innovation rettet uns nicht. Von Innovation allein ist noch nichts gut geworden, weil niemand weiß, welche unvorhergesehenen Konsequenzen die Veränderung womöglich mit sich bringt. Denken Sie etwa an Drohnen. Erst eine vernetzte, gut durchdachte und organisch eingebettete Innovation kann etwas Positives erbringen. Die Innovation an sich leistet dies nicht.
  6. Veränderungskultur: Wir brauchen dringend eine Innovationskultur, in der Veränderungen daraufhin überprüft werden, ob sie wirklich sinnvolle, nachhaltige Verbesserungen sind. Das funktioniert allerdings nur über die Zeit und geht nicht am Reißbrett. Man kann am Anfang alles schönreden und theoretisch überzeugt sein, aber die Praxis bricht die Theorie.
  7. Kinderkrankheiten: Nicht jede Innovation oder Neuentwicklung ist schon voll ausgereift. Viele haben Kinderkrankheiten oder zeigen erst in der Anwendung ihre negativen Folgen. Deshalb sollte bei allen Neuerungen immer abgewartet werden, bis sich die Neuerung im Laufe der Zeit als wirklich nützlich erwiesen hat. Erst dann sollte sie auf den Markt gebracht werden.
  8. Keine Mogelpackung: Die Zeiten, in denen Mogelpackungen oder Greenwashing als glaubwürdige Nachhaltigkeit verkauft werden können, müssen unweigerlich enden.
  9. Goldener Mittelweg: Die Messlatte liegt sehr hoch und eine perfekte Lösung ist aufgrund des Problemerhaltungssatzes schwer zu erreichen. Deshalb sollte der goldene Mittelweg ohne faule Kompromisse angestrebt werden. Nur solche Lösungen werden uns mit der Zeit zu echter Nachhaltigkeit führen.
Reinhold M. Karner

Reinhold M. Karner ist Experte und Autor für erfolgreiches Unternehmertum, mit jahrzehntelanger Erfahrung als multinationaler Unternehmer und Unternehmensberater. Sein umfassendes Wissen in Sachen Entrepreneurship bringt er als Erfolgscoach für Unternehmen, Führungskräfte und Investoren sowie als Startup-Mentor, Aufsichtsrat, Kolumnist und Hochschuldozent ein.

Mehr Informationen unter

www.rmk.org

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