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Zahl überschuldeter Haushalte steigt

Zahl überschuldeter Haushalte steigt

Fast jeder achte Privathaushalt in Köln gilt als überschuldet. In Bonn ist es jeder elfte. Diese und viele weitere Einblicke liefert der jüngste „SchuldnerAtlas 2017 – Metropolregion Köln/Bonn“, veröffentlicht von Creditreform Bonn und Creditreform Köln. Die Ergebnisse sind auch ein Warnsignal für die mittelständische Wirtschaft. Wer Waren und Dienstleistungen an Endkunden auf Rechnung verkauft, sollte sorgfältig prüfen, ob die Bonität stimmt. Ansonsten empfehlen sich Vorkasse oder andere Zahlungsweisen, die das Risiko von Zahlungsausfällen minimieren.

Die Region Köln/Bonn gilt als solider, prosperierender Wirtschaftsstandort. Viele Firmen haben volle Auftragsbücher, die Geschäfte laufen, die Wirtschaft wächst. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Binnenkonjunktur stark vom privaten Konsum getrieben wird, lassen diese Zahlen aufhorchen: Wie der Ende November vorgelegte „SchuldnerAtlas 2017 – Metropolregion Köln/Bonn“ von Creditreform Köln und Creditreform Bonn zeigt, gelten in der Stadt Köln 105.130 Personen als überschuldet. Das sind 1.530 Personen mehr als im Vorjahr. Auch in der Bundesstadt Bonn hat die Zahl der Schuldner leicht zugenommen: Sie stieg um 190 auf 23.740. Dass dennoch die Schuldnerquote in Köln gegenüber dem Vorjahr stagniert und in Bonn ganz leicht fiel, liegt allein am gleichzeitigen Bevölkerungszuwachs. Der bundesweite Vergleich spricht eine deutliche Sprache: Von 401 Kreisen und kreisfreien Städten belegt Bonn laut dem jüngsten „SchuldnerAtlas Deutschland“ Platz 174, Köln sogar nur Platz 332.

Glückliches Bayern, könnte man da sagen. Sage und schreibe die ersten 17 Plätze im bundesweiten Ranking belegen bayerische Landkreise. In Eichstätt etwa – dem Kreis mit der deutschlandweit niedrigsten Schuldnerquote – sind nur 3,8% der privaten Haushalte überschuldet, in Erlangen-Höchstadt 5%. Bloß jede zwanzigste Person über 18 Jahre kann dort also die Summe ihrer fälligen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht begleichen, wobei zur Deckung des Lebensunterhalts weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dieses Kriterium trifft in Bonn auf jede elfte Person über 18 Jahre zu, in Köln sogar fast auf jede achte.

Auch jenseits der beiden Städte zeigt sich in Sachen Verschuldung kein allzu rosiges Bild. Am besten schneidet im Untersuchungsgebiet von Creditreform Bonn und Creditreform Köln noch der Kreis Ahrweiler ab: Hier liegt die Schuldnerquote „nur“ bei 8,7%, also knapp unterhalb derjenigen in Bonn (9%) und deutlich unterhalb der Schuldnerquote in Köln (11,8%). Dennoch bedeutet das im bundesweiten Vergleich lediglich Platz 150.

Im Rhein-Erft-Kreis würde man sich über diesen bereits freuen. 11,4% der privaten Haushalte sind dort aktuell verschuldet – Platz 311 im Deutschlandvergleich. Die Schuldnerquote im Kreis Euskirchen beträgt 11%, im Oberbergischen Kreis 10,3%, im Rheinisch-Bergischen Kreis 9,3%. Im Rhein-Sieg-Kreis liegt sie bei 8,9%. In keinem der sechs Kreise und auch nicht in Bonn und Köln hat sich die Schuldnerquote im Sechsjahresvergleich seit 2012 deutlich verbessert. Immerhin ist sie in fast allen Fällen mehr oder minder gleich geblieben, nur in Oberberg hat sie sich zwischen 2012 und 2017 um 0,6% verschlechtert.
Die Entwicklung in der Metropolregion Köln/Bonn korreliert mit dem bundesweiten Trend. Die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland steigt seit 2014 kontinuierlich an. Zum Stichtag 1.10.2017 misst der „Schuldneratlas Deutschland 2017“, herausgegeben von der Creditreform Wirtschaftsforschung, der Creditreform Boniversum GmbH und der microm Micromarketing-Systeme und Consult GmbH, für die gesamte Bundesrepublik eine Überschuldungsquote von 10,04%. Damit sind über 6,9 Mio. Bürger über 18 Jahren überschuldet und weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf. Dies sind rund 65.000 Personen mehr als vergangenes Jahr – ein Plus von 0,9%. Die Überschuldungsquote sinkt leicht, da die Bevölkerung nochmals spürbar zugenommen hat.

Schuldnerquoten in Problemvierteln nehmen weiter zu

Der bundesweite „SchuldnerAtlas 2017“ gibt Aufschluss über die Entwicklung in den einzelnen Städten und Landkreisen. Der „SchuldnerAtlas 2017 – Metropolregion Köln/Bonn“ von Creditreform Bonn und Creditreform Köln liefert dagegen einen systematischen kleinräumigen Überblick zur Überschuldung von Privatpersonen. Anhand von Tabellen, Grafiken und Karten lässt der Schuldneratlas genaue Vergleiche innerhalb der Städte und Kreise zu: in Köln nach den einzelnen Stadtteilen, in Bonn nach 62 statistischen Bezirken, in sechs Kreisen nach Gemeinden und Postleitzahlgebieten.

Dieser Detailblick fördert eine nachdenklich stimmende Auffälligkeit zu Tage: die teils beträchtlichen Unterschiede bei der Verschuldung der Privathaushalte in unterschiedlichen Stadtteilen und Gemeinden. Während beispielsweise in den Kölner Stadtteilen Widdersdorf, Lindenthal und Libur nur rund 5% der Bevölkerung über 18 Jahre als verschuldet gelten, belegen Gremberghoven (27,4%), Meschenich (24,5%) und Kalk (21%) traurige Spitzenplätze. Hier ist jede fünfte bis jede vierte Person überschuldet.

„Auffällig ist zudem, dass sich die Schere zwischen wohlsituierten und schwierigeren Vierteln offenbar weiter öffnet“, betont Moritz von Padberg, Geschäftsführer der Creditreform Köln v. Padberg KG und Mitherausgeber des „SchuldnerAtlas 2017 – Metropolregion Köln/Bonn“. Während die Schuldnerquote etwa in Libur besonders stark zurückging, stieg sie in Problemvierteln wie Meschenich oder Gremberghoven weiter deutlich an – sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch im Sechsjahresvergleich.

Ähnliches gilt für die Bundesstadt Bonn. Hier liegen sage und schreibe 20% zwischen den Ortsteilen Ückesdorf (3,4%) und Dransdorf (23%). Zudem legte die Schuldnerquote in Godesberg-Nord mit einem Plus von 1,8% deutlich zu. Inzwischen ist dort nahezu jede fünfte Person verschuldet, so viele wie in kaum einem anderen Stadtviertel. In den Kreisen sind die Ausschläge etwas geringer, doch auch hier lassen sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Gemeinden und/oder Ortsteilen feststellen.

„Eine halbwegs gesunde Mischung ist in immer weniger Vierteln anzutreffen“, hält Rossen fest. „In immer mehr Stadtteilen ist festzustellen, dass die Gentrifizierung voranschreitet und sich der Verdrängungswettbewerb auch in der Zahl der Verschuldungsfälle widerspiegelt.“ Wer kann, zöge in einen anderen Stadtteil, Menschen mit geringerem Einkommen strömten nach. „So festigen sich in nicht wenigen Vierteln die Einkommens- und Schuldenstrukturen“, beobachtet Rossen.

Verschuldete Haushalte – gefährdete Unternehmen?

Was hat das alles mit der mittelständischen Wirtschaft in der Region Köln/Bonn zu tun? „Es gibt einen recht offenkundigen Zusammenhang“, erklärt Jörg Rossen. „Auch Menschen mit Schulden sind Konsumenten und bestellen Waren.“ Mit anderen Worten: Sämtliche Unternehmen im B2C-Geschäft, also alle diejenigen Firmen, die Waren oder Dienstleistungen an private Endkunden verkaufen, müssen sich darüber im Klaren sein, dass ein bestimmter Prozentsatz ihrer (potenziellen) Kunden nicht zahlungskräftig ist, sondern Schwierigkeiten mit dem Begleichen offener Forderungen haben könnte.

„Es passiert leider täglich, dass Privatkunden Rechnungen nicht fristgerecht, unvollständig oder gar nicht bezahlen“, weiß Moritz von Padberg. Doch Zahlungsverzögerungen, erst recht Ausfälle, können schnell bedrohlich werden, denn sie setzen eine Abwärtsspirale in Gang: Der Liquiditätsmangel führt dazu, dass man selbst in Zahlungsschwierigkeiten gerät. „Das wiederum gefährdet das Rating des eigenen Betriebs“, erklärt der Creditreform-Köln-Chef. „Sinkt die Bonität des Unternehmens, kann aus dem Zahlungsausfall schnell ein größeres Liquiditätsproblem werden, denn dann wird es schwieriger, günstige Kredite oder großzügige Zahlungsziele zu erhalten.“

Rossen rät seinen Firmenkunden deshalb zu einer sorgfältigen Kundenauswahl und präventivem Informationsmanagement. Gemeint ist: Jedes Unternehmen sollte sich nicht nur über seine bestehenden Kunden und Geschäftspartner informieren und diese Informationen systematisch verwerten, sondern auch Neukunden frühzeitig überprüfen. „Auf deren Zahlungsverhalten und Bonität kommt es an“, unterstreicht Rossen. Wer regelmäßig entsprechende Informationen einholt und berücksichtigt, reduziert deutlich die Gefahr von Zahlungsausfällen. „Jedes Unternehmen sollte die Zahlungskonditionen abhängig vom Risiko gestalten“, empfiehlt von Padberg: „Je höher das Risiko, desto kürzer muss das Zahlungsziel sein.“ Kluge Onlinehändler etwa räumen Kunden mit schwacher Bonität nur die Möglichkeit ein, per Vorkasse zu zahlen, während Kunden mit guter Bonität beispielsweise auch per Rechnung zahlen können.

Nun mögen sich manche Unternehmer entspannt zurücklehnen, weil sie wissen, dass ihre Kunden in der Regel aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommen, also vermeintlich zahlungskräftig sind. Der aktuelle „SchuldnerAtlas Deutschland 2017“ der Creditreform stellt jedoch klar, „dass auch in diesem Jahr fast alle neuen Überschuldungsfälle aus der ‚Mitte der Gesellschaft‘ stammen“. Wie eine Sonderauswertung nach Milieuzugehörigkeit zeigt, handelt es sich um 4,38 Mio. Fälle – eine Zunahme von 69.000 Fällen. Die Zahl der Überschuldungsfälle aus den „gehobeneren Schichten“ und den „unteren Schichten“ hingegen ist leicht rückläufig.

Stand: 20.02.2018 11:48