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Wirtschaftsjunioren: Digitalisierung als Chance begreifen
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Wirtschaftsjunioren: Digitalisierung als Chance begreifen

» Interview
Florian A. Gloßner ist seit Januar Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren. Im Interview mit gmbhchef spricht der erfolgreiche Unternehmer über ein Umdenken, das im Zusammenhang mit der Digitalisierung stattfinden sollte.

Herr Gloßner, Sie sind seit Januar 2019
Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren. Was sind Ihre Ziele? Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen?

Meine Ziele sind zum einen, dass die junge Wirtschaft eine etwas lautere Stimme bekommt und in der Politik deutlich stärker wahrnehmbar ist. Denn die Anliegen der jungen Unternehmer, gerade in einer sich momentan stark wandelnden Welt, sind für unsere gesamte Gesellschaft von Bedeutung.
Die größten Herausforderungen liegen tatsächlich darin, dass wir in einer Welt leben, die sich immer schneller verändert und in der auch alte gesellschaftliche und wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten in dieser Form nicht mehr gelten. Zum Beispiel die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Grundstruktur der EU oder andere gesellschaftliche Grundkonsense, die zum aktuellen Zeitpunkt neu überarbeitet werden müssen.

Glauben Sie, dass es hier besonders von Vorteil ist auf die Digitalisierung zu setzen?

Es ist eher die Frage, ob jeder Unternehmer bereit ist, sich dem digitalen Wandel anzupassen oder eben nicht. Ich glaube sogar, dass es gar keinen Weg an der Digitalisierung vorbei gibt. Es gibt ganz wenige Unternehmen und Geschäftsmodelle, die nicht von der Digitalisierung betroffen sind. Meiner Meinung nach ist der komplette Umschwung zur Digitalisierung nur eine Frage der Zeit.
Am Ende des Tages gibt es Entwicklungen, die ein Unternehmer nun mal nicht aufhalten kann – und dazu gehört die Digitalisierung.
Außerdem ist es aus meiner Sicht eine Notwendigkeit, dass sich jedes Unternehmen damit auseinandersetzt und sich auf veränderte digitale Bedürfnisse und Herausforderungen einstellt.
Ob die Digitalisierung nun in kleinen Schritten geschieht und herausgezögert wird, oder ob direkt umgestellt wird, ist dabei egal. Wichtig ist, dass die Digitalisierung auch als Chance begriffen wird. Nehmen Sie als Beispiel die Nachfolgeproblematik mancher Unternehmen. Haben diese Unternehmen Schwierigkeiten mit der Anpassung an die Digitalisierung, ist es auch schwieriger geeignete Nachfolger zu finden.

Wie sollte sich die digitale Zukunft Ihrer Meinung nach in Deutschland entwickeln? Was wäre hierfür die wichtigste Voraussetzung?

Die wichtigste Voraussetzung wäre in Deutschland die Digitalisierung als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Das hat auch sehr viel mit Regulation zu tun. Zum Beispiel der Umgang mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) oder auch vielen digitalen Geschäftsmodellen ist in Deutschland ein völlig anderer als in anderen Ländern. Deswegen liegen die Start-up-freundlichsten Regionen auch
leider nicht in Deutschland. Deutschland sollte meiner Meinung nach anfangen, digitale Geschäftsmodelle viel mehr zu fördern. Auch Facebook war zu Beginn z.B. nicht das einzige Unternehmen seiner Art, ist aber aufgrund der Rahmenbedingungen in den USA zu dem Unternehmen geworden, das den Markt bestimmt. Wenn Deutschland solche Unternehmen haben bzw. fördern will, müssen wir den Boden dafür bereiten. Man sollte ausprobieren können – auch auf die Gefahr hin, dass die juristische Perspektive noch nicht komplett ausgearbeitet ist oder auch, dass etwas eben nicht funktioniert.

Welchen Tipp würden Sie GmbHs und jungen Gründern im Hinblick auf die Digitalisierung geben?

Grundsätzlich sollte man versuchen die Möglichkeiten der neuen Technologien, z.B. das veränderte Kommunikationsverhalten und die neuen Vernetzungsmöglichkeiten als Chance zu verstehen. Man sollte sich trauen alte Geschäftsmodelle in einer völlig neuen Art und Weise zu denken und anzugehen. Wir leben in einer Zeit in der sich alles ändert und dort sind die Rezepte von gestern meist nicht die Lösungen von morgen. Flexibilität und etwas Risikobereitschaft sind gefordert. Das ist eine große Herausforderung aber auch gleichzeitig eine große Chance für Unternehmer.

Wie glauben Sie, können besonders kleine und mittelständische Unternehmen die Digitalisierung für den Arbeitsalltag nutzen?

Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen haben viel Flexibilität in der Mitarbeiter- und Personalführung. Mit kürzeren Dienstwegen und weniger Regularien kann hier flexibel auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingegangen werden, dadurch werden Möglichkeiten wie Homeoffice oder ein digitaler Arbeitsplatz leicht umsetzbar. Diese Möglichkeiten zu nutzen ist allerdings keine Frage der Größe eines Unternehmens, sondern vielmehr eine Frage des Wollens. Und eine Frage des Miteinanders zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Es ist ein Zeichen der Veränderung in unserer Gesellschaft, dass solche Gräben, die es einmal gegeben hat, nicht mehr existieren müssen. Es gibt immer Mittel und Wege. Neue Technologien bieten eine Menge Möglichkeiten, um ein erfolgreiches und flexibles Arbeitsumfeld zu ermöglichen.

Digitalisierung und Infrastruktur – Inwieweit hängen diese beiden Faktoren zusammen?

Die Digitalisierung wird besonders in der Politik immer sehr im Kontext der Infrastruktur, vor allem im Sinne von Breitbandausbau und Mobilfunknetzen, begriffen. Das ist aber gar nicht der Kern
der Digitalisierung. Der Kern der Digitalisierung ist einerseits tatsächlich, dass sich das gesamte menschliche Kommunikationsverhalten und die wirtschaftlichen Strukturen verändern bzw. verändert haben. Und das sich darauf aufbauende Geschäftsmodelle aber auch Lebensmodelle komplett verändert haben, das geht weit darüber hinaus, was eine Infrastruktur überhaupt leisten kann. Es wäre sehr schön, wenn das in der Politik an der einen oder anderen Stelle noch stärker wahrgenommen würde. Wir alle bewegen uns in einer komplett veränderten Welt. Alle Entwicklungen müssen uns nicht sofort treffen aber es ist offensichtlich, dass sie uns in absehbarer Zukunft treffen werden. Und damit muss und sollte man sich frühzeitig auseinandersetzen. Wir müssen Unternehmern und Leuten, die in ganz anderen Arbeits- und Gesellschaftsformen leben, ermöglichen idealerweise in Deutschland leben und arbeiten zu können.

Wo beginnt für Sie Digitalisierung?

Digitalisierung beginnt im Kleinen. Nehmen wir das Beispiel E-Mail. Es ist umweltfreundlicher und geht schneller als Briefe zu schreiben, aber oft stößt man hier auch auf Streitpunkte. Wie z.B. wenn ich argumentieren muss, dass jeder eine E-Mailadresse hat und es deshalb von Vorteil wäre E-Mails statt Briefe zu schreiben. Man muss sich eben auf die Digitalisierung einlassen. In den letzten zehn Jahren hat sich so viel geändert.

Wo sehen Sie persönlich Probleme bei der Digitalisierung in Deutschland?

In Deutschland wird die Digitalisierung grundsätzlich aus der Risikoperspektive betrachtet. Irgendjemand, sei es Politik oder Rechtsanwälte, hat immer Einwände. Auch ist Deutschland natürlich ein Land, das von Produktion und Waren geprägt ist und deshalb einen klaren Fokus auf Infrastruktur legt. Aber es geht bei der Digitalisierung um viel mehr. Heutzutage kauft kaum jemand einen Atlas mehr, ein Besuch um im Buchladen zum Stöbern, ist ganz nett, aber wenn ich ein Buch kaufen will, tue ich es online.
Das ist einfach eine Realität, an der man nicht mehr vorbeikommt. Deutschland tut sich damit generell schwer, weil hier viel in alten Mustern gedacht wird. Aber genau da ist es nun unser Job zu agieren. Unsere Generation muss in diese Diskussion auch andere Positionen miteinbringen.

Zur Person
Florian Gloßner führt als Serienunternehmer erfolgreich zwei Unternehmensberatungen mit insgesamt zehn Mitarbeitern sowie ein Unternehmen für Messedienstleistungen mit zwanzig Mitarbeitern. Zudem ist er im Vorstand einer Immobiliengenossenschaft aktiv. Seit dem 1.1.2019 ist Gloßner Bundesvorsitzender der Wirtschaftsjunioren Deutschland, des bundesweit größten Verbands junger Unternehmer und Führungskräfte.

Die Wirtschaftsjunioren (WJD)
Das Ziel der WJF ist es, den Standort Deutschland weiterzuentwickeln sowie Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Sie wollen weiter denken und mit ihren Prinzipien wie Tradition, bewährten Tugenden, Verantwortungsbewusstsein, Integrität und Ehrbarkeit den Wirtschaftsstandort Deutschland für die Zukunft gut aufstellen. Ihre Positionen gründen auf praktischen Erfahrungen in Unternehmen. Gesellschaftliche Veränderungen wie z.B. der Fachkräftemangel und der demografische Wandel sind somit keine Zukunftsthemen für die Wirtschaftsjunioren, sondern tägliche Herausforderungen.

Stand: 16.04.2019 08:30