Wirtschaftsdynamik Bonn/Rhein-Sieg: Stabile Wirtschaft – wachsender Druck

Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis gelten als starker Wirtschaftsstandort. Doch die anhaltende Rezession macht auch vor der Region nicht halt. Die aktuelle Untersuchung „Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg“ von Creditreform Bonn Trier analysiert Stärken und Schwächen.

Eine attraktive Lage, das Wirken bedeutender Dax-Konzerne und zahlreicher anderer Unternehmen aller Größenklassen und vieler Branchen, ein hoher Anteil an Personen mit Hochschulabschluss in der Bevölkerung und ein stetiger Zuzug von Menschen: Keine Frage, der Wirtschaftsstandort Bonn/Rhein-Sieg entwickelt sich seit Jahren dynamisch und positiv.

Seit über zwei Jahren befindet sich Deutschland jedoch in einer Rezession. Viele Unternehmen stecken in Schwierigkeiten; die Zahl der Insolvenzen nimmt deutlich zu. Die rückläufige Wirtschaftsentwicklung macht auch vor der Region Bonn/Rhein-Sieg nicht halt. Wie beispielsweise der aktuelle Wirtschaftslagebericht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg zeigt, sinkt der IHK-Konjunkturklimaindex im Herbst auf 92 Punkte, in einzelnen Branchen sogar noch erheblich tiefer. Nur 15 Prozent der Unternehmen rechnen kurzfristig mit einer Verbesserung der Lage. Die Mehrheit ist pessimistisch.

Um ein tieferes und längerfristiges Verständnis des Wirtschaftsgeschehens in der Region zu gewinnen, ist ein eingehender Blick auf relevante Kennzahlen, zumal im mehrjährigen Vergleich sowie in Relation zu anderen, vergleichbaren Städten und Regionen, unerlässlich. Diesen Blick ermöglicht seit vielen Jahren die von Creditreform Bonn Trier regelmäßig vorgelegte Studie „Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg“. Mitte Oktober ist sie in zehnter Auflage erschienen.

Jenseits aktueller Kriseneinflüsse erlauben die zusammengetragenen Kennzahlen der Studie eine fundierte Einschätzung zur wirtschaftlichen Dynamik – vom Risikoprofil der ansässigen Firmen bis zu ihren Nachhaltigkeitsanstrengungen.

Die Studie erlaubt einen Vergleich mit den sieben größten Städten in Deutschland – Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt/Main und Stuttgart – sowie mit wichtigen Städten und Metropolregionen, die von ihrer Struktur und Größe dem Wirtschaftsraum Bonn/Rhein-Sieg ähnlich sind.“ Das sind Darmstadt, Dortmund, Dresden, Hannover, Mainz-Wiesbaden, Mannheim-Ludwigshafen sowie Nürnberg. Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse:

Unternehmensdynamik

Die Region Bonn/Rhein-Sieg ist von einer ebenso kleinteiligen wie vielseitigen Wirtschaftsstruktur geprägt. Über 82 Prozent der Unternehmen erzielen jeweils Jahresumsätze von weniger als 500.000 Euro. Der Anteil von etablierten Unternehmen ist höher als im Bundesdurchschnitt, die Branchenstruktur ist breit diversifiziert und relativ risikoarm. Nur in wenigen Clustern bestanden 2024 überdurchschnittliche Risiken.

„Ausgehend von einem historisch niedrigen Niveau ist die Ausfallquote allerdings 2024 zum dritten Mal in Folge gestiegen, besonders deutlich bei mittleren Unternehmen mit Umsätzen zwischen einer und 5 Millionen Euro“, sagt Christian Eberhard, Geschäftsführer der Creditreform Bonn Trier Rossen Eberhard GmbH & Co. KG. Besonders häufig fallen Unternehmen aus Bauwirtschaft sowie Handel/Gastronomie aus. Dennoch: Von allen 15 Vergleichsstädten und -regionen weist Bonn/Rhein-Sieg insgesamt die zweitniedrigste Ausfallquote auf. Zwei Branchen sind für Bonn/Rhein-Sieg besonders prägend: Gesundheitswirtschaft und IT. In beiden Fällen übertrifft der Anteil der Unternehmen am gesamten Unternehmensbesatz denjenigen auf Bundesebene. „Auch in diesen Schlüsselsektoren sind die Ausfallquoten in der Region gestiegen“, sagt Eberhard, „selbst traditionell stabile Sektoren geraten also inzwischen unter Druck.“

Finanzielle Risikotragfähigkeit

Das Kapitalfundament der Unternehmen in der Region Bonn/Rhein-Sieg ist robust. Die Gesamtwirtschaft konnte ihre durchschnittliche Eigenkapitalquote von 28,8 Prozent im Jahr 2022 auf 32,7 Prozent im Jahr 2023 steigern. In der IT-Wirtschaft liegt die Quote sogar bei 43,3 Prozent, in der Gesundheitswirtschaft bei 45,8 Prozent. Auch die Gesamtkapitalrenditen in der Region zeigen über den betrachteten Zeitraum hinweg ein solides Niveau mit moderater Volatilität. Betrachtet man beide Kennziffern für die einzelnen Branchen, so schneiden in Bonn/ Rhein-Sieg die Konsumgüterindustrie, Verkehr und Logistik und insbesondere der Einzelhandel auffällig stark ab. Diese Branchen liegen sowohl beim Eigenkapitalquotenindex als auch beim Gesamtkapitalrenditenindex deutlich über dem Bundesniveau. „Das signalisiert eine vergleichsweise hohe finanzielle Stabilität gepaart mit Ertragskraft“, erläutert Eberhard.

Im bundesweiten Vergleich der IT-Wirtschaft zählt die Region Bonn/Rhein-Sieg 2023 mit einer Eigenkapitalquote von 43,3 Prozent und einer Gesamtkapitalrendite von 10,3 Prozent zu den leistungsstärksten Standorten. Im Benchmarking der Gesundheitswirtschaft liegt die Region im Jahr 2023 mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 45,8 Prozent auf Augenhöhe mit dem Bundesmittel. Dies signalisiert eine gute finanzielle Stabilität und geringe Verschuldung der regionalen Unternehmen. Gleichzeitig liegt die Gesamtkapitalrendite mit 3,6 Prozent leicht unter dem Bundesdurchschnitt.

Bei einer anderen wichtigen Kennzahl gibt es eine negative Entwicklung: Die Zahl der überfälligen Rechnungen erreicht in Bonn/Rhein-Sieg mit 21,8 Prozent einen Höchststand. Bundesweit sank dieser Anteil von 22 Prozent im Jahr 2015 auf 17,8 Prozent im Jahr 2024. Damit positioniert sich die Region zugleich im oberen Drittel aller Vergleichsregionen. Die durchschnittliche Zahlungsverzugsdauer nimmt jedoch einen anderen Verlauf: Während sie 2015 noch bei 11,9 Tagen lag, beträgt sie im Jahr 2024 nur noch exakt 10 Tage. Im regionalen Vergleich liegt Bonn/Rhein-Sieg damit im Mittelfeld.

Junge Unternehmen

Die Region Bonn/Rhein-Sieg zeigt eine kontinuierlich positive Entwicklung im Bereich junger Unternehmen. Die zwischen 2018 und 2024 neu gegründeten Betriebe konnten ihre durchschnittliche Beschäftigtenzahl mehr als verdoppeln und bewegen sich damit auf einem stabilen Wachstumspfad. Dieses gleichmäßige, organische Wachstum deutet auf solide Strukturen und eine zunehmende Relevanz junger Unternehmen für den regionalen Arbeitsmarkt hin. Im Vergleich der großen deutschen Städte positioniert sich Bonn/Rhein-Sieg im Mittelfeld – hinter dynamischen Startup- Zentren wie Berlin oder München, aber vor anderen Regionen mit ähnlicher Struktur. Die Ergebnisse zeigen: Auch in einem traditionell von etablierten Branchen geprägten Umfeld entstehen zunehmend Unternehmen, die Beschäftigung aufbauen und Impulse für Innovation und Wandel geben. Vermutlich leisten auch regionale Initiativen wie der Digital Hub Bonn und das wachsende Unterstützungsnetzwerk für Gründerinnen und Gründer ihren Beitrag zu dieser positiven Entwicklung. Damit trägt die Start-up-Szene spürbar zur wirtschaftlichen Vitalität und Zukunftsfähigkeit der Region bei.

Nachhaltigkeit

Insbesondere innerhalb der EU steigen die Anforderungen für die Berichterstattung sowohl von Finanzdienstleistern, als auch von realwirtschaftlichen Unternehmen in Bezug auf deren Nachhaltigkeit. Noch sind nicht alle Unternehmen berichtspflichtig, allerdings ist längst ein „Trickle-down-Effekt“ wirksam: Große Unternehmen und Banken verpflichten ihre Geschäftspartner und Kreditnehmer zu ESG-Nachweisen, also Belegen ihrer Anstrengungen in den Bereichen Umwelt (Environment, E), Soziales (Social, S) sowie der Unternehmensführung (Governance, G). „Damit müssen auch kleinere Betriebe, die gesetzlich nicht nachweispflichtig sind, faktisch oftmals über ihre Nachhaltigkeitsanstrengungen Rechenschaft ablegen“, betont Eberhard. Um derartige Informationen messbar zu machen, hat Creditreform bundesweit den ESG-Score entwickelt. In ihrer regionalen Wirtschaftsdynamik- Studie liefert Creditreform Bonn Trier einen Überblick dazu für Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis.

Die ESG-Gesamtnote zeigt für die Region ein vergleichsweise solides Bild: Knapp zwei Drittel der bewerteten Unternehmen fallen in die mittlere Bewertungsklasse C. 18 Prozent erreichen die Note B und 7 Prozent sogar die Bestnote A. „Mit anderen Worten: Immerhin ein Viertel der bewerteten Unternehmen zeigt also ein überdurchschnittliches ESG-Profil“, sagt Eberhard.

Andererseits gilt: Jedes elfte bewertete Unternehmen rangiert am unteren Ende der Skala, erzielt also lediglich die Note D. Was speziell den Faktor Umwelt betrifft: Zwar erreicht ein Drittel der bewerteten Unternehmen in Bonn/Rhein-Sieg die Note B, aber der Anteil an Unternehmen mit D und vor allem mit E ist hier höher als bei den anderen ESG-Dimensionen. „Insgesamt signalisiert die ESG-Verteilung ein solides, wenngleich nicht durchweg ambitioniertes Nachhaltigkeitsprofil der regionalen Unternehmenslandschaft“, analysiert Eberhard. Im Benchmarking mit 14 Vergleichsregionen weist Bonn/Rhein-Sieg ein leicht unterdurchschnittliches ESG-Profil aufweist – Platz 11 von 15. „Hier ist“, sagt der Geschäftsführer von Creditreform Bonn Trier, „noch Luft nach oben.“

Zum Unternehmen:

Seit der Gründung im Jahr 1879 ist es das Ziel von Creditreform, Unternehmen vor Forderungsausfällen zu schützen, die Liquidität vernichten und den Fortbestand von Unternehmen gefährden. Dieser Maxime sind alle Lösungen und Angebote von Creditreform verpflichtet.

Weitere Informationen unter:

www.creditreform.de/bonn
www.creditreform.de/koeln

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