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Wie Dummheit in Meetings entsteht

Wie Dummheit in Meetings entsteht

Überall gibt es Loblieder über die „Schwarmintelligenz“. Die Idee, dass man im Team viel mehr erreichen kann als ein Einzelner, ist verbreitet. Man spricht seit vielen Jahren von der Summe, die angeblich größer ist als ihre Teile. Man studiert die ideale Teamzusammensetzung verschiedener Charaktere (Macher, Denker, Kreativer, Erbsenzähler etc.) und glaubt fest an die planmäßige Erschaffung von „High Performance Teams“, die ein Vielfaches der heutigen müden Haufen erreichen können.

Ein Kollektiv ist klüger als der Einzelne, besagt die Schwarmintelligenz. Doch das gilt nicht für die Arbeitswelt, zeigt Gunter Dueck in seinem neuen Buch. Natürlich gibt es ein paar harmlose Annahmen, wann ein All-Star-Team gut funktioniert:
– Man sollte vielleicht mit einem Team aus guten Machern, Denkern, Verkäufern etc. beginnen, denn sonst sieht es ziemlich trostlos aus.
– Es ist wichtig, dass die Teammitglieder ihre Zusammenarbeit als gemeinsames Schicksal („shared fate“) empfinden. Sie müssen für dasselbe Ziel brennen.
– Das „Winning Team“ sollte in seiner Zusammensetzung über längere Zeit gleich bleiben, damit man blind vertrauend zuverlässig zusammengeschweißt und glänzend arbeiten kann. 

In den großen Unternehmen wird dies alles von Beratern gepredigt. Wird dann das erste Mal praktisch probiert, ein Hochleistungsteam zu etablieren, kommt es zu den ersten Problemen. Leider sind die tollen Leute, die man auswählt, gerade unabkömmlich, weil man sie nicht aus ihrem absolut entscheidenden Projekt loseisen kann. Das versichern deren direkte Vorgesetzte, die beim Weggang eines Teamstars eine Katastrophe fürchten. Folglich probiert man es mit mittelmäßigen Leuten, die werden ja durch die Schwarmintelligenz bestimmt besser.

Dann gibt man ihnen Incentive-Ziele, damit sie angestachelt werden und auch gegenseitig im Wettbewerb stehen. Leider ist es nun mit dem „shared fate“ vorbei, aber Incentives sind immer für irre Leistungssteigerungen gut, sonst gäbe es ja keine Boni. Natürlich arbeitet das Team dann einmal zur Probe vier Wochen an einem Kundenprojekt zusammen, um dann wieder neu eingeteilt zu werden. Vereinfacht bedeutet das: Das mit der Schwarmintelligenz wird nichts, es scheitert am grauen Unternehmensalltag. Da sitzen keine Schicksalsgenossen zusammen. Sie sind auch nicht zusammengeschweißt, sondern durch individuelle Ziele und Incentives getrennt („Dafür werde ich nicht bezahlt“).

Unrealistische Ziele führen zu Dissens

Der Nährboden für Dummheit ist damit bereitet. Das Unternehmen gibt allen Managern und Mitarbeitern absolut viel zu ehrgeizige Ziele, weil es fürchtet, die Ziele aus Versehen zu tief anzusetzen – das wäre eine so sehr vertane Chance. Nun rödeln alle im Hamsterrad, laufen Extrameilen in Überstunden, hecheln Deadlines hinterher und sehen nun erschrocken, dass andere sie mit anderer Zielsetzung stören, behindern, ignorieren. Sie alle helfen sich nicht mehr gegenseitig, weil sie keine Sozialarbeiter sind, sondern High Performance Singles sein müssen – so will es der Chef. Es kommt zu Konflikten, die sich aus den divergenten Zielen ganz natürlich ergeben.
Es hagelt Ärger, wenn Kollegen ihren Teil der Arbeit nicht termingerecht schaffen und sich mit „unter Wasser“ rechtfertigen. Jeder fühlt sich wie ein heiliger Krieger, der sich zerreißt, aber durch nicht mitziehende, angeblich überlastete Feierabendkenner behindert und gestoppt fühlt.

Teufelskreis Meeting

Weil unter extremer Zeitnot nichts klappen will, setzt man sich zu Meetings zusammen, in denen die Konflikte besprochen und die Ziele harmonisiert werden sollen – wenigstens verbal oder appellativ. Der abwesende Teamgeist wird feierlich beschworen, bis manche glauben, er sei nun im Raum. Nun werden alle anderen im Meeting erfolglos aufgefordert, dem Teamgeist zu huldigen. So tauschen sie alle ihre Meinungen aus, können sich nicht einigen und beschließen die Kommunikation durch das Abhalten von weiteren regelmäßigeren Meetings zu verbessern. Leider hat niemand Zeit, Meetings zu besuchen, wo es um nichts geht, alle sind zu sehr „event driven getriggert“. Ohne dritte Deadline im Nacken (erst dann ist etwas ernst gemeint) rührt keiner den Finger. Keine Zeit! Nie mehr! „Komme gleich wieder, renne gerade die Extrameile. Ich mag Menschen nicht, die noch keine Burnout-Symptome zeigen!“

Die Dummheit ist nicht in den einzelnen Menschen, sondern im Meeting selbst, nicht wahr? Und die Meetings breiten sich aus wie Metastasen. Jedes Meeting erzeugt mehrere andere. Man glaubt, die Überlastungsprobleme durch zusätzliche Kommunikation heilen zu können und schaudert: „In dem Meeting zur Verbesserung der Kommunikation tippen alle wie wild auf den Laptops und Smartphones herum. Sie scheinen die Kommunikation zu verachten. Wir müssen sie zusätzlich in Kommunikation schulen, wir sollten in Mehrtageskurse investieren, sonst schaffen sie ihre ‚stretch targets‘ und ‚must make goals‘ nicht.“ Manager, die ihre Teams wirklich zu Höchstleistungen bringen möchten, müssen Freude am gemeinsamen Projekt entfesseln und ihre Mitarbeiter so führen, als wären sie Freiwillige.

 

Über den Autor

Gunter Dueck war Mathematikprofessor und bis 2011 Cheftechnologe bei IBM. Der Queerdenker ist derzeit als Autor, Netzaktivist, Business Angel und Speaker tätig.

www.omnisophie.com  

buch meeting

Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam Gunter Dueck, campus Verlag 2015, Gebunden, 328 Seiten, D 24,99 €, ISBN 978-3-593-50217-5

Stand: 10.06.2015 10:55