Interview
Nachhaltigkeit wird in vielen Unternehmen noch immer als reines Wertethema oder als bürokratische Pflicht verstanden. Dabei wird oft übersehen, dass nachhaltiges Wirtschaften zunehmend ein betriebswirtschaftlicher Erfolgsfaktor ist. Steigende Anforderungen durch die EU-Taxonomie, das Lieferkettengesetz und CO2-Steuern treffen insbesondere jene Unternehmen, die sich nicht rechtzeitig transformieren. Gleichzeitig entstehen neue Potenziale: Effizienzgewinne, Innovationschancen und strategische Vorteile im Wettbewerb. Im Gespräch mit Andreas Maslo, Geschäftsführer der Nachhaltigkeitsplattform VERSO, beleuchten wir, wie Unternehmen – insbesondere KMUs und GmbHs – Nachhaltigkeit als wirtschaftliche Chance nutzen können, welche Rolle Digitalisierung dabei spielt und was jetzt notwendig ist, um Geschäftsmodelle zukunftsfähig aufzustellen.
Herr Maslo, warum ist Nachhaltigkeit aus Ihrer Sicht nicht nur ein ethisches, sondern vor allem ein wirtschaftlich rationales Ziel für Unternehmen?
Nachhaltigkeit ist heute weit mehr als ein moralischer Vorsatz. Unternehmen, die ihre ökologischen und sozialen Wirkungen verstehen und aktiv gestalten, bauen Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit auf. Das heißt, sie sind besser vorbereitet auf regulatorische Anforderungen, Risiken, Marktchancen und sie gewinnen eher das Vertrauen von Investoren, Talenten bzw. Mitarbeitern und Kunden. Nachhaltigkeit ist keine Zusatzaufgabe, sie ist integraler Bestandteil zukunftsfähigen Wirtschaftens. Es ist schlichtweg rational sinnvoll für Unternehmen, so nachhaltig wie möglich zu handeln. Das belegen verschiedenste Studien, hier zwei Beispiele: ESG-Kriterien sind zunehmend Teil von Vergabeverfahren. Laut einer KPMG Studie sehen 45 Prozent der befragten CEOs positive Effekte auf die finanzielle Performance. Accenture fand 2023 wiederum heraus, dass Unternehmen mit hoher Resilienz schneller als ihre Wettbewerber wachsen.
Inwiefern wird Nachhaltigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor für KMUs und GmbHs?
Wenn Unternehmen heute proaktiv handeln, profitieren sie morgen davon. Nachhaltigkeitskriterien werden immer wichtiger – sei es im Zugang von Finanzierungen, bei der Talentsuche oder in der Kundenbindung. Dazu kommt: Unternehmen, die Nachhaltigkeit glaubwürdig leben, stärken ihre Marke und Reputation, reduzieren Risiken in der Lieferkette und öffnen sich für innovative Geschäftsmodelle. In vielen Branchen ist sie bereits das neue Normal.
Oft wird Nachhaltigkeit als Kostenblock gesehen – wie kann sie stattdessen zur Steigerung der Profitabilität beitragen?
Nachhaltigkeit ist eine Investition. Es geht konkret um Effizienz, Risikominimierung, Positionierung und Innovationskraft. Durch smarte Maßnahmen lassen sich z.B. Energiekosten senken, Materialkreisläufe schließen, Reputationsschäden vermeiden oder neue Zielgruppen erschließen. Viele unserer Kunden berichten, dass sich ein anfänglicher Mehraufwand schnell auszahlt – etwa durch Einsparungen, besseren Zugang zu Kapital oder höhere Attraktivität als Arbeitgeber oder Anbieter.
Welche Effizienzpotenziale lassen sich durch nachhaltiges Wirtschaften heben, z.B. in der Energieversorgung, Materialeinsparung oder Kreislaufwirtschaft?
Das Potenzial ist enorm: Von Photovoltaik-Anlagen über Wärmerückgewinnung bis hin zu digitalen Tools zur Ressourcenerfassung und -optimierung. Auch durch zirkuläre Wertschöpfung – also Wiederverwendung und Recycling – entstehen neue Ertragsquellen und Kostenvorteile. Im produzierenden Gewerbe gibt es beispielsweise acht Verschwendungsarten, die teils recht unkompliziert zu minimieren sind. Es geht nicht um Verzicht, sondern um besseres Wirtschaften mit den verfügbaren Mitteln.
Welche Schritte sind notwendig, um ein klassisches Geschäftsmodell nachhaltig und zukunftsfähig zu machen?
Die Transformation beginnt mit Transparenz: Wo stehen wir heute? Darauf folgt die doppelte Wesentlichkeitsanalyse, also die Frage: Welche Auswirkungen hat mein Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft und welche Auswirkung haben externe Faktoren auf das Unternehmen? Danach geht es darum, Nachhaltigkeit ins Kerngeschäft zu integrieren – mit klaren Zielen und definiertem Ambitionsniveau, festen Verantwortlichkeiten und regelmäßigem Monitoring und Reporting. Innovationsprozesse können, je nach Tätigkeitsfeld des Unternehmens, völlig unterschiedlich aussehen. Entscheidend ist: Nur gemeinsam mit allen internen Stakeholdern gelingt der Wandel.
Dazu kommt, dass die doppelte Wesentlichkeitsanalyse gleich zu Beginn konkrete Handlungsfelder mit finanziellem und nachhaltigem Impact aufzeigt. Sie schafft wirkliche Transparenz, das heißt, Unternehmen sehen schnell, welche Bereiche stark aufgestellt sind und wo noch Nachholbedarf besteht, beispielsweise bei der Lieferkettentransparenz oder dem CO2-Fußabdruck.
Wie sehr beeinflussen aktuelle Regularien wie die EU-Taxonomie oder das Lieferkettengesetz die strategische Planung von KMUs?
Einerseits schieben Regularien das Thema Nachhaltigkeit im Unternehmen von der Kategorie „Wichtig, aber nicht dringend“ ins Feld „Wichtig und dringend“. Es kommt also niemand mehr umhin, sich kurzfristig mit Nachhaltigkeit zu befassen. Nach dem initialen Aufstöhnen über den damit verbunden Aufwand, werden die Benefits meist schnell klar: Berichtspflichten schaffen Klarheit, Verlässlichkeit und fördern faire Marktbedingungen durch Vergleichbarkeit. KMUs müssen heute nicht alles alleine stemmen – vor allem nicht ohne digitale Lösungen, die den Aufwand deutlich verringern. Aber sie müssen anfangen. Denn auch wenn sie nicht direkt berichtspflichtig sind, werden sie über die Lieferketten, Finanzierungen und Stakeholderinteressen zunehmend einbezogen.
Und nicht zu vergessen: Die ESG-Regulierung schreitet weltweit stark voran, was oft hierzulande gar nicht wahrgenommen wird. Beispielsweise haben Kanada und China ESG-Regularien veröffentlicht.
Inwiefern schaffen diese neuen Regularien auch Chancen für Unternehmen, sich als nachhaltiger Marktführer zu positionieren?
Genau hier liegt ein Hebel: Wer jetzt in ESG-Strategien investiert, kann sich als Vorreiter etablieren. Die Offenlegung schafft Sichtbarkeit und Vertrauen – gegenüber Kunden, Partnern und Kapitalgebern. Nachhaltigkeit wird zum Differenzierungsmerkmal. Wer das hingegen nicht tut, läuft Gefahr, signifikant Marktanteile an den Wettbewerb zu verlieren. Die nachhaltige Transformation ist hier vergleichbar mit der digitalen Transformation.
Wir dürfen an der Stelle aber nicht vergessen, dass gerade im Mittelstand ein großer Teil der Unternehmen bereits gut in Sachen Nachhaltigkeit unterwegs ist. Leider fehlt aber häufig die Transparenz für die eigenen Erfolge oder sie werden bewusst nicht publik gemacht – aus Sorge vor Greenwashing-Vorwürfen.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien?
Eine entscheidende. Nur mit digitalen Lösungen lassen sich Nachhaltigkeitsdaten effizient erfassen, managen, analysieren und für strategische Entscheidungen nutzbar machen. Dazu ist Nachhaltigkeit ein Themenkomplex, an dem unterschiedlichste Bereiche im Unternehmen zusammenarbeiten müssen. So verschwindet sehr schnell das Gefühl der Unberechenbarkeit, das viele angesichts der Tragweite des Themas anfänglich lähmt.
In einer gemeinsamen Plattform gelingt das Datenmanagement sicher und ohne unnötigen Aufwand. KI in Nachhaltigkeitssoftware kann beispielsweise dabei helfen, Wesentlichkeiten zu identifizieren, individuelle Maßnahmen und Ziele vorzuschlagen oder Transparenz in komplexe Lieferketten zu bringen. So wird Nachhaltigkeit vom Compliance-Thema zum Steuerungsinstrument. Zudem lassen sich sämtliche Berichte in einem Bruchteil der sonst dafür notwendigen Zeit erstellen.
Wo sehen Sie die größten Potenziale für nachhaltige Geschäftsmodelle in den kommenden fünf Jahren?
Überall da, wo Umweltrisiken oder gesellschaftliche Probleme durch unternehmerische Innovation gelöst werden. In Sachen Umwelt sind die planetaren Grenzen sicherlich ein guter Ausgangspunkt, um neue Geschäftsmodelle zu denken – beispielsweise der Wandel hin zur Kreislaufwirtschaft und allen Lösungen, die diesen unterstützen.
Gleichzeitig wird es meiner Meinung nach darum gehen, nachhaltige Geschäftsmodelle so aufzubauen, dass sich die entstehenden Produkte nicht wie Verzicht anfühlen, sondern wie eine bessere Alternative. Das gilt vom Anbieter erneuerbarer Energien bis hin zum Kleidungshersteller. Unternehmen im Mittelstand tun gut daran, mit einem Stakeholderdialog zu beginnen. So können beispielsweise neue Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette entstehen, die nicht nur Effizienz bringen, sondern auch Innovationskraft freisetzen. Der Mittelstand kann hier eine Pionierrolle einnehmen. In der Innovationsentwicklung kann zudem mit der Frage „wie können wir mit weniger mehr erreichen“ vieles in Gang gesetzt werden. Unternehmen wie Vaude, Tesa, Pandora, Rational oder Schwalbe machen es vor.
Was müssen KMUs und GmbHs jetzt tun, um langfristig wettbewerbsfähig und zukunftssicher zu bleiben?
Handeln, nicht abwarten. Es geht um ein klares Bekenntnis zur nachhaltigen Transformation, gepaart mit konkreten Maßnahmen und Partnern, die den Weg begleiten. Wer heute mutig vorangeht, gestaltet den Markt von morgen mit.
Konkret könnte das heißen: ein jährliches Budget verankern, Personen für die Umsetzung benennen, ESG-Ziele in die Bonusvereinbarungen von Führungskräften verankern und eine datenbasierte Baseline zu schaffen, um ein festes Zielbild zu zeichnen.
Vielen Dank für Ihre Zeit und die Einblicke.

Andreas Maslo ist Mitgründer und Geschäftsführer der VERSO GmbH. Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der nachhaltigen Transformation hat er tiefe Einblicke in die Herausforderungen von Unternehmen gewinnen können. VERSO ist Sustainability-Software-Pionier und Full-Service-Anbieter für die Nachhaltige Transformation im Mittelstand.
Kontakt: www.linkedin.com/in/andreasmaslo/
Weitere Informationen unter: www.verso.de
