Erfolg schützt nicht vor Einsamkeit. Viele Menschen in Spitzenpositionen wirken souverän und entscheidungsstark, erleben hinter den Kulissen jedoch Druck, Erschöpfung und das Gefühl, mit wichtigen Entscheidungen allein zu sein. Die Mentorin Claudia Elsässer spricht darüber, weshalb Entscheider besonders stark von Einsamkeit gefährdet sind und welche Folgen diese Isolation für Betroffene und Unternehmen haben kann.
Warum treffen viele Top-Manager und Top-Managerinnen ihre Entscheidungen allein?
Viele Menschen mit hoher Verantwortung treffen ihre wichtigsten Entscheidungen letztlich allein. Nicht, weil sie besonders unabhängig sein wollen oder niemandem vertrauen. Sondern weil sie niemanden haben, mit dem sie ihre Fürs und Widers der Entscheidungen neutral besprechen können. Auch können sie die eigenen Zweifel, Ängste oder inneren Konflikte nicht aussprechen, ohne gleichzeitig ihre Rolle erfüllen zu müssen oder Rücksicht auf die Interessen anderer zu nehmen.
Aber sie haben doch ein großes Netzwerk für den Austausch?
Eigentlich schon, aber viele Themen sind sehr komplex und sensibel. Viele Fragen lassen sich nicht mit Mitarbeitenden, Kolleginnen und Kollegen oder anderen Stakeholdern teilen. Zu viel Offenheit würde häufig Unsicherheit auslösen oder Loyalitätskonflikte schaffen. Hinzu kommt: Je weiter erfolgreiche Menschen an die Spitze gelangen, desto schwieriger wird es, wirklich interessenfreie Gesprächspartner zu finden. Fast jeder im Umfeld vertritt – bewusst oder unbewusst – auch eigene Interessen. Mitarbeitende wünschen sich Sicherheit, Gesellschafter wirtschaftlichen Erfolg, Familienmitglieder haben eigene Bedürfnisse und selbst wohlmeinende (Geschäfts-) Freunde geben häufig Ratschläge aus ihrer persönlichen Perspektive heraus.
Was macht das mit den Top-Managern?
Nach außen wirken viele Verantwortungsträger äußerst souverän und funktionieren, aber innerlich erleben viele Einsamkeit, Druck und Erschöpfung – und die Sehnsucht nach einem geschützten, vertrauensvollen Raum, in dem sie nicht die Unternehmerin, der Geschäftsführer oder die starke Persönlichkeit sein müssen, sondern ihre Maske ablegen und einfach Mensch sein dürfen – frei von Erwartungen, Interessen und Bewertungen.
Welche Top-Manager haben ein hohes Einsamkeitsrisiko?
Viele Menschen in Spitzenpositionen verfügen über Eigenschaften, die sie überhaupt erst erfolgreich gemacht haben, unter anderem ein hohes Verantwortungsgefühl, eine ausgeprägte Identität mit der Rolle und die Fähigkeit, auch unter Druck schnelle Entscheidungen zu treffen. Das sind wertvolle Qualitäten. Gleichzeitig können genau diese Stärken zur Falle werden. Top-Manager mit stark ausgeprägten inneren Antreibern wie „Ich muss stark sein“ oder „Ich muss das alleine schaffen“ haben früh gelernt, sich zusammenzureißen, keine Last zu sein und Probleme selbst zu lösen. Vielleicht wurden sie schon als Kinder für ihre Selbstständigkeit bewundert, vielleicht gab es in ihrer Herkunftsfamilie aber auch wenig Raum für eigene Bedürfnisse.
Wie beeinflussen diese inneren Antreiber die Führungshaltung?
Diese Menschen werden oft zu denjenigen, auf die sich alle verlassen. Sie übernehmen Verantwortung, tragen viel und funktionieren, haben hohe Erwartungen an sich selbst und die Mitarbeitenden. Doch gerade deshalb fällt es ihnen schwer, selbst um Hilfe zu bitten oder sich verletzlich zu zeigen. Sie verwechseln Unabhängigkeit mit Alleinsein. Gerade Führungspersönlichkeiten, die sich stark über Kontrolle, Autonomie und Stärke definieren – so genannte „Alpha-Tiere“ – haben oft nicht selbst erfahren, dass Bindung und Verletzlichkeit ebenso zu gesunder Führung gehören wie Durchsetzungskraft und Entscheidungsstärke.
Muss man Einsamkeit als CEO nicht aushalten können?
Bis zu einem gewissen Grad gehört es sicherlich zur Rolle, auch manchmal allein zu entscheiden und Ambivalenzen auszuhalten. Aber niemand sollte dauerhaft mit seinen Gedanken, Ängsten und inneren Konflikten allein bleiben müssen. Einsamkeit ist kein Ehrenabzeichen guter Führung und auch kein Beweis besonderer Stärke. Im Gegenteil: Wer sich dauerhaft nur auf sich selbst verlässt, läuft Gefahr, innerlich zu erschöpfen und sich in den eigenen Gedankenschleifen zu verlieren. Es kommt darauf an, ein neues Verständnis von Stärke zu entwickeln. Eines, das nicht auf Härte und Selbstgenügsamkeit basiert, sondern auf Selbstwahrnehmung, Verbundenheit und der Fähigkeit, sich Unterstützung zu erlauben.
Welche Folgen hat es, wenn Entscheider mit ihren Gedanken dauerhaft allein bleiben?
Werden Sorgen, Zweifel und innere Konflikte ausschließlich im eigenen Kopf hin und her gewälzt, ohne zu einer Lösung zu kommen – in der Psychologie wird dieses Phänomen als Ruminanz bezeichnet – entsteht leicht ein geschlossener Gedankenkreislauf. Was zunächst wie ein Versuch wirkt, Klarheit zu gewinnen, führt häufig zum Gegenteil: Die Gedanken werden enger, negativer und verlieren die korrigierende Außenperspektive. Erst im vertrauensvollen Dialog lassen sich Gedanken ordnen, Gefühle regulieren und neue Sichtweisen entwickeln. Ein Sparringspartner löst keine Probleme, verhindert aber, dass man sich in den eigenen Gedankenschleifen verliert. Ohne diese Resonanz kann sich die eigene Interpretation zur einzigen „Wahrheit“ entwickeln. Dadurch wirken die Sorgen zunehmend realer und bedrohlicher. Schlimmstenfalls führt das anhaltende Grübeln zu einer Depression oder Angststörung.
Wann wird Einsamkeit zu einem wirtschaftlichen Risiko?
Wer dauerhaft isoliert ist, trifft häufiger Entscheidungen aus Stress, Angst oder Tunnelblick heraus. Innovation und strategische Weitsicht nehmen ab, und die Distanz zu den Mitarbeitenden wächst. Gleichzeitig steigt das Risiko für Fehlentscheidungen, Konflikte im Führungsteam, eine geringere Mitarbeiterbindung und letztlich höhere Fluktuations- und Krankheitskosten. Die emotionale Verfassung eines Top-Managers wirkt immer auch auf die Kultur des Unternehmens. Deshalb ist die Frage nach Einsamkeit nicht nur eine menschliche, sondern auch eine wirtschaftliche Frage.
Wie unterstützt ein vertrauensvoller Austausch bessere Entscheidungen?
Eine diskrete und neutrale Reflexionspartnerin hilft dabei, Gedanken zu schärfen, Annahmen zu überprüfen und bessere Entscheidungen zu treffen. Nicht weil sie die Antworten liefert, sondern aktiv zuhört und durch die richtigen und vertiefenden Fragen relativiert, Zusammenhänge sichtbar macht oder neue Blickwinkel ermöglicht. Auch verfolgt eine externe und vertrauliche Sparringspartnerin keine eigene Agenda, ist nicht von Entscheidungen abhängig und muss keine Position verteidigen. Gerade dadurch entsteht ein ehrlicher Austausch auf Augenhöhe. Nicht als Ratgeberin, die Lösungen vorgibt, sondern als reflektierendes Gegenüber, das Gedanken ordnet und blinde Flecken sichtbar macht. So gewinnt der Top-Manager innere Klarheit und erlebt Verbundenheit statt Isolation.
Wie hilft ein vertrauensvolles Gegenüber dabei, blinde Flecken sichtbar zu machen?
Im Mentoring geht es darum, blinden Flecken auf die Spur zu kommen. Häufig stehen dahinter innere Überzeugungen wie: „Ich darf keinen Fehler machen“, oder „Wenn ich scheitere, enttäusche ich andere.“ Ein Beispiel aus dem Unternehmeralltag macht dieses Muster deutlich: Ein Geschäftsführer steht vor einer wichtigen Personalentscheidung und schiebt diese seit Monaten vor sich her. Nach außen begründet er dies mit fehlenden Informationen. Im vertrauensvollen Gespräch wird jedoch deutlich, dass dahinter die Angst steckt, Menschen zu enttäuschen und als „harter Chef“ wahrgenommen zu werden. Sobald die eigentliche Angst sichtbar wird, kann die Entscheidung auf einer anderen Ebene betrachtet werden. Oft entstehen daraus Klarheit, emotionale Reife und die Fähigkeit, ins Handeln zu kommen.
Wie überwinden Top-Manager das Gefühl der inneren Leere?
Neue Verhaltensweisen entstehen vor allem durch Bewusstheit. Wer erkennt, welche Muster ihn immer wieder antreiben oder blockieren, kann neue Entscheidungen treffen. Zum Beispiel regelmäßig Reflexionszeiten einzuplanen, Erfolge bewusst wahrzunehmen, Unterstützung früher anzunehmen oder schwierige Gespräche oder Entscheidungen nicht länger aufzuschieben. Ebenso wichtig ist es, in sich hineinzuspüren. Was gibt mir Energie? Was macht mir Freude? Und was möchte ich künftig stärker leben? Sich wieder mit dem eigenen “Warum”, dem Sinn hinter dem Handeln und den eigenen Werten zu verbinden, kann eine enorme Kraftquelle sein und das Bewusstsein für sich selbst stärken. Verbindung zu sich selbst bedeutet für mich nicht, eine bessere Version seiner selbst zu werden. Es bedeutet, wieder bei sich anzukommen – und sich daran zu erinnern, wer man jenseits von Rolle, Verantwortung und Erwartungen eigentlich ist.
Das Interview führte Annette Neumann, Journalistin, Berlin

Claudia Elsässer ist die persönliche und diskrete Vertraute für Entscheider:innen. Als ehemalige Unternehmensnachfolgerin begleitet sie seit über elf Jahren Menschen mit hoher Verantwortung dabei, ihre innere Stärke (wieder) zu entdecken, mit Druck und Veränderung souverän umzugehen, Klarheit und Entlastung zu schaffen und sich als Mensch nicht mehr in der Rolle zu verlieren.
Email: mail@claudia-elsaesser.de
Weitere Informationen unter: www.claudia-elsaesser.com
