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Rechtsprechung der Finanzgerichte seit 2016: Das häusliche Arbeitszimmer

Rechtsprechung der Finanzgerichte seit 2016: Das häusliche Arbeitszimmer

Das häusliche Arbeitszimmer war jahrelang ein beliebtes Steuersparmodell für alle möglichen Berufe, bis der Gesetzgeber sich entschloss, die Abzugsfähigkeit der Aufwendungen auf bestimmte Fälle zu beschränken. Kaum ein GmbH-Geschäftsführer wird ohne ein häusliches Arbeitszimmer auskommen. Der Beitrag gibt einen Überblick über die neuere Steuerrechtsprechung und Argumentationshilfen, um die Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer steuerlich absetzen zu können.
Nach § 4 Abs. 5 Nr. 6b Einkommensteuergesetz (EStG) dürfen Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer sowie die Kosten der Ausstattung nicht als Betriebsausgaben abgezogen werden.

Abzugsverbot mit Ausnahmen
Dieses grundsätzliche Abzugsverbot gilt nicht, wenn für die betriebliche oder berufliche Tätigkeit kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. In diesem Fall wird die Höhe der abziehbaren Aufwendungen auf 1.250 € begrenzt (erste Ausnahme).
Die Beschränkung der abzugsfähigen Aufwendungen auf 1.250 € gilt nicht, wenn das Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen und beruflichen Betätigung bildet (zweite Ausnahme).
Diese Regelung gilt nach § 9 Abs. 5 EStG sinngemäß für den Abzug von Werbungskosten bei Personen mit Einkünften aus nichtselbstständiger Arbeit gemäß § 19 EStG, also auch für den angestellten GmbH-Geschäftsführer.
Der GmbH-Geschäftsführer kann also immer die Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer als Werbungskosten absetzen, wenn er in seinem Haus oder in seiner Wohnung einen Raum ausschließlich oder nahezu ausschließlich für berufliche Zwecke nutzt und im Betrieb – ausnahmsweise – kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht (dazu weiter unten). Der Raum muss seiner Ausstattung nach für die Erzielung von Einnahmen genutzt werden. Ein häusliches Arbeitszimmer ist seiner Lage, Funktion und Ausstattung nach in die häusliche Sphäre eingebunden und dient vorwiegend der Erledigung gedanklicher, schriftlicher, verwaltungstechnischer oder organisatorischer Arbeiten. Ein solcher Raum ist typischerweise mit Büromöbeln eingerichtet, wobei der Schreibtisch regelmäßig das zentrale Möbelstück ist.
Vom häuslichen Arbeitszimmer ist der gemischt genutzte Raum zu unterscheiden, der sowohl zur Erzielung von Einkünften als auch in mehr als nur untergeordnetem Umfang zu privaten Zwecken genutzt wird. Ein gemischt genutzter Raum – und damit auch die Arbeitsecke im Wohnzimmer – ist nach der Rechtsprechung des Bundesfinanzhof (BFH) steuerlich nicht abzugsfähig (u.a. BFH, Urteil vom 17.2.2016, Az. X R 1/13).

Muss ein Arbeitszimmer erforderlich sein?
Nutzt der Geschäftsführer ein häusliches Arbeitszimmer, so wird er vom Finanzamt mitunter mit dem Argument konfrontiert, dass ein solches Arbeitszimmer gar nicht nötig sei, weil er die Arbeiten genauso gut im Betrieb erledigen könne bzw. für den geringen Arbeitsansfall kein separates Zimmer erforderlich sei. Hier hat der BFH mit seinem Urteil vom 8.3.2017 (Az. IX R 52/14) Argumentationshilfen aufgezeigt, die die Abzugsfähigkeit ermöglichen.
Der BFH weist darauf hin, dass das Tatbestandsmerkmal der Erforderlichkeit sich weder aus dem Gesetzeswortlaut noch aus der Gesetzesbegründung ergebe. Mit den in § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG geregelten Fallgruppen sollten gerade Streitigkeiten über die Notwendigkeit eines Arbeitszimmers vermieden werden. Fazit: Das Finanzamt hat künftig mit dem Argument „Das Arbeitszimmer ist gar nicht notwendig“ schlechte Karten, wenn tatsächlich ein Arbeitszimmer ausschließlich im Zusammenhang mit steuerlich relevanten Einkünften genutzt wird.

Wann steht kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung?
Die Aufwendungen für das häusliche Arbeitszimmer werden nur anerkannt, wenn im Betrieb kein anderer Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Daraus könnte man schließen, dass die Anerkennung eines häuslichen Arbeitszimmers nicht mehr möglich ist, sobald im Betrieb ein Arbeitsplatz zur Verfügung steht. Doch was gilt als Arbeitsplatz: ein Tisch und ein Stuhl in einem Großraumbüro? Ein Arbeitsplatz in einer 50 km entfernten Betriebsstätte? Ein Arbeitsplatz in einer Produktionshalle mit einem hohen Geräuschpegel? Ein Arbeitsplatz in einem Büro, das durchweg von Kunden, Patienten oder Mitarbeitern aufgesucht wird?
Die Beispiele zeigen, wie interpretationsfähig der Begriff des Arbeitsplatzes ist. Der Streitfall eines selbstständigen Logopäden, der erst letztes Jahr vom BFH entschieden wurde (Urteil vom 22.2.2017, Az. III R 9/16), zeigt, dass nicht nur die Rahmenbedingungen der Nutzung des Arbeitsplatzes, sondern auch die Zumutbarkeit seiner Nutzung entscheidend sein können.

Beispiel:
Der selbstständige Logopäde L arbeitet mit vier Angestellten in angemieteten Praxisräumen in zwei Gemeinden, die über 40 km von zu Hause entfernt liegen. In jedem Raum stand ein Büroplatz zur Verfügung. L machte ein häusliches Arbeitszimmer im Rahmen seiner Gewinnermittlung geltend, das vom Finanzamt nicht anerkannt wurde. Begründung: Als „anderer Arbeitsplatz“ im Sinne von § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b EStG gelte grundsätzlich jeder Arbeitsplatz, der zur Erledigung von Büroarbeiten geeignet sei. Weitere Anforderungen an die Beschaffenheit des Arbeitsplatzes seien nicht zu stellen.
Mit der Klage machte L geltend, dass sich in den Praxen ausschließlich von den Angestellten genutzte Behandlungsräume befinden. Zwar seien diese auch mit Tischen, Computern und teilweise mit Aktenschränken ausgestattet, die Patientenunterlagen für die laufenden Behandlungen enthielten. Die Tische dienten aber ausschließlich Behandlungs- und Therapiezwecken und würden nur von den Angestellten genutzt. Während der laufenden Behandlungen seien dort Verwaltungsarbeiten nicht möglich. Vertrauliche Daten wären in dieser Zeit dem Zugriff der Mitarbeiter ausgesetzt. Es sei ferner nicht zumutbar, die Büroarbeiten immer nur nach Dienstschluss zu verrichten oder an Wochenenden mehr als 40 km zurückzulegen (mit Unterlagen, Literatur etc.), um diese Arbeiten durchführen zu können.
Nach Auffassung des BFH war es im Streitfall dem Kläger nicht zumutbar, Unterlagen, Geschäftspapiere und Literatur jeweils aus dem häuslichen Arbeitszimmer in die Geschäftsräume zu schaffen, um dort zu arbeiten, oder die Arbeiten statt im häuslichen Arbeitszimmer nach Feierabend oder am Wochenende an dem anderen Arbeitsplatz zu verrichten.

Nutzung des Arbeitszimmers durch zwei Personen
Die Rechtsprechung und auch die Finanzverwaltung gingen lange Zeit von einem sogenannten „objektbezogenen“ Abzug der Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer aus. Die abziehbaren Aufwendungen waren danach unabhängig von der Zahl der nutzenden Personen auf 1.250 € begrenzt. Erst mit seinen Urteilen vom 15.12.2016 (Az. VI R 53/12 und Az. VI R 86/13) hat der BFH eine Kehrtwendung vollzogen und dabei die Rechtsprechung zugunsten der Steuerpflichtigen geändert. Nunmehr kann der Höchstbetrag von jedem Steuerpflichtigen in voller Höhe in Anspruch genommen werden, der das Arbeitszimmer nutzt, sofern in seiner Person die Voraussetzungen des § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 2 EStG erfüllt sind.
Nach dieser neuen Rechtsprechung ist in den Fällen, in denen mehrere Steuerpflichtige ein häusliches Arbeitszimmer gemeinsam nutzen, die Höchstbetragsgrenze von 1.250 € personenbezogen anzuwenden, sodass jeder von ihnen seine Aufwendungen hierfür bis zu dieser Obergrenze einkünftemindernd geltend machen kann.

Nutzung mehrerer Arbeitszimmer
So erfreulich die Kehrtwendung der BFH-Rechtsprechung von der objektbezogenen zur personenbezogenen Betrachtung für Steuerpflichtige, die gemeinsam ein Arbeitszimmer nutzen, ist, so wenig kann ein Steuerpflichtiger davon profitieren, der mehrere Arbeitszimmer nutzt.

Beispiel:
A nutzt in seiner Eigentumswohnung aufgrund des baulichen Zuschnitts der Wohnung zwei Arbeitszimmer mit jeweils 15 qm, um dort seine Arbeitsunterlagen und seine Büroausstattung unterbringen zu können. Die Aufwendungen belaufen sich pro Arbeitszimmer auf jeweils 1.250 €, also insgesamt auf 2.500 €.
Der BFH hat in einem Urteil vom 9.5.2017 (Az. VIII R 15/15) klargestellt, dass der Werbungskostenabzug nicht auf den Abzug der Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer, wohl aber – unabhängig von der Anzahl der von ihm genutzten häuslichen Arbeitszimmer – auf den gesetzlichen Höchstbetrag begrenzt ist. Folge: A kann die Aufwendungen nur bis zu dem personenbezogenen Höchstbetrag gemäß § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6b Satz 3 EStG absetzen, also bis maximal 1.250 €. Das gilt auch dann, wenn der Steuerpflichtige mehrere häusliche Arbeitszimmer gleichzeitig oder nacheinander (etwa wegen eines Umzugs während des Veranlagungszeitraums) nutzt. Tipp: Übt ein Steuerpflichtiger seine gesamte betriebliche oder berufliche Tätigkeit im häuslichen Arbeitszimmer aus, kann er alle Aufwendungen abziehen. Die gleichzeitige Nutzung von zwei Arbeitszimmern in zwei verschiedenen Haushalten führt dann allerdings dazu, dass keines dieser Arbeitszimmer den Mittelpunkt der gesamten betrieblichen oder beruflichen Tätigkeit bildet. Der Abzug der Aufwendungen wäre dann begrenzt auf den gesetzlichen Höchstbetrag von 1.250 €. In einem solchen Fall wäre es sinnvoll, nur die Aufwendungen für ein Arbeitszimmer steuerlich geltend zu machen, wenn die dafür anfallenden Aufwendungen über 1.250 € liegen.

Zusammenfassung
Die jüngere BFH-Rechtsprechung zum häuslichen Arbeitszimmer zeigt einige erfreuliche Aspekte für den Steuerpflichtigen. Die Abkehr von der objektbezogenen hin zur personenbezogenen Betrachtung bietet in vielen Fällen zwei Nutzern eines Arbeitszimmers die Möglichkeit, den Höchstbetrag von 1.250 € jeweils als Werbungskosten oder Betriebsausgaben geltend zu machen.
Der BFH hat ferner klargestellt, dass der Gesetzgeber nicht voraussetzt, dass ein häusliches Arbeitszimmer „erforderlich“ sein muss. Ferner sind die Voraussetzungen an den zur Verfügung stehenden Arbeitsplatz im Betrieb relativiert worden. Nicht jeder Tisch mit Stuhl davor im Betrieb kann als zumutbarer Arbeitsplatz angesehen werden, der die Abzugsfähigkeit der Aufwendungen für ein häusliches Arbeitszimmer unmöglich macht.

Stand: 01.04.2018 12:00