Neuer Geschäftsführer: „Der Tourismus löst vielerorts Probleme“

Interview:

Vor einiger Zeit übernahm Daniel Letocha die Position als Geschäftsführer und CEO der Tourismus & Congress GmbH Region Bonn / Rhein-Sieg / Ahrweiler. Im Interview mit dem gmbhchef verrät er unter anderem, mit welchem Blick er aktuell auf die Region schaut, wo er die Standortvorteile sieht und warum der Tourismus als Problemlöser fungieren kann.

Herr Letocha, Sie sind neuer Geschäftsführer der Tourismus & Congress GmbH.
Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Mich hat vor allem die Möglichkeit gereizt, aktiv gestalten zu können. Gleichzeitig war es der Wunsch und die Erwartung des Aufsichtsrates, bestehende Strukturen und Prozesse kritisch zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Es sollte nicht alles so gemacht werden wie in den vergangenen Jahren, sondern der Status quo in vielerlei Hinsicht auf den Prüfstand gestellt werden.

Zu meiner Gebietskulisse gehören die Bundesstadt Bonn und der gesamte Rhein- Sieg-Kreis. Meine Aufgabe sehe ich darin, Menschen, Ideen und Ressourcen stärker zusammenzubringen. Wenn wir vorhandene Kompetenzen klug vernetzen und gemeinsame Potenziale nutzen, können wir für die Region deutlich mehr erreichen als jeder für sich allein.

Mit welchem Blick schauen Sie persönlich aktuell auf die Region Bonn/Rhein-Sieg/Ahrweiler?

Für mich ist das eine ausgesprochen spannende Region, gerade weil sie so vielfältig ist. Auf engem Raum treffen hier internationale Strahlkraft, Kultur, Geschichte, Natur und Lebensqualität aufeinander. Bonn steht als Bundes- und Beethovenstadt für Politik, Wissenschaft und Kongresse. Gleichzeitig liegen mit dem Siebengebirge, dem Rhein, dem Naturraum Sieg sowie perspektivisch auch dem Ahrtal einige der attraktivsten Freizeit- und Erholungsräume Deutschlands praktisch vor der Haustür.

Besonders spannend finde ich, dass viele Gäste diese Zusammenhänge noch gar nicht wahrnehmen. Wer am Rheinufer in Bonn steht und auf das Siebengebirge blickt, schaut bereits in den Rhein-Sieg Kreis. Wer die Aussicht von der Drachenburg genießt, blickt auf Bonn. Genau deshalb halte ich es für wichtig, die Region stärker als zusammenhängenden Erlebnis- und Wirtschaftsraum zu denken und vorhandene Potenziale gemeinsam zu nutzen.

Potenzial ist ein gutes Stichwort. Wo sehen Sie denn aktuell noch ungenutzte Potenziale für zusätzliche Wertschöpfung?

Ein großes Potenzial sehe ich in der Verlängerung von Geschäftsreisen. Bonn ist ein bedeutender Kongress- und Tagungsstandort mit zahlreichen nationalen und internationalen Veranstaltungen. Ein Beispiel ist die AFCEA Fachausstellung, die seit Jahrzehnten mehrere Tausend Besucher ins World Conference Center Bonn bringt. Das Kongresszentrum und die Hotels sind während der Veranstaltung hervorragend ausgelastet. Viele Gäste reisen jedoch unmittelbar nach Veranstaltungsende wieder ab.

Genau hier liegt aus meiner Sicht zusätzliche Wertschöpfung. Die Region bietet mit dem Siebengebirge, dem Rhein, der Museumsmeile, dem Beethoven-Haus, attraktiven Rad- und Wanderangeboten sowie perspektivisch auch dem Ahrtal zahlreiche Freizeit- und Kulturangebote. Unser Ziel muss es sein, Menschen, die aus beruflichen Gründen zu uns kommen, für einen längeren Aufenthalt zu begeistern.

Aktuell liegt die durchschnittliche Verweildauer in Bonn und der Region bei rund zwei Übernachtungen. Bereits eine moderate Steigerung hätte spürbare wirtschaftliche Effekte für Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und weitere Dienstleister vor Ort.

Wie positioniert sich die Region im Wettbewerb mit anderen starken Standorten?

Die Region verfügt über ein sehr eigenständiges Profil. Bonn steht für internationale Organisationen, Wissenschaft, Bundespolitik, Kultur und Kongresse. Mit Akteuren wie der UNO, der Deutschen Telekom, dem World Conference Center Bonn sowie einer starken Forschungs- und Hochschullandschaft verfügt die Region über Standortfaktoren, die viele andere Städte in dieser Form nicht bieten können.

Gleichzeitig profitieren wir von einer hohen Lebensqualität sowie attraktiven Natur- und Kulturräumen in unmittelbarer Umgebung. Diese Kombination aus internationaler Bedeutung, wirtschaftlicher Stärke und Freizeitwert ist ein großer Wettbewerbsvorteil. Aus meiner Sicht besteht die Aufgabe nun darin, diese Stärken noch klarer herauszuarbeiten und die Bereiche Wirtschaft, Tourismus und Standortmarketing enger miteinander zu verzahnen. Denn eine starke Positionierung entsteht nicht durch einzelne Akteure, sondern durch ein gemeinsames Verständnis davon, wofür die Region steht.

Warum sollten sich Ihrer Meinung nach Geschäftsführer, auch von klassischen Mittelstandsunternehmen, stärker mit dem Thema Tourismus beschäftigen?

Zahlreiche Unternehmer verbinden Tourismus zunächst mit Hotels, Gastronomie oder Freizeitangeboten. Tatsächlich ist Tourismus aber weit mehr als das. Er erzeugt direkte Wertschöpfung durch Übernachtungen, Restaurantbesuche, Kulturangebote und Freizeitaktivitäten. Gleichzeitig profitieren zahlreiche weitere Branchen entlang der Wertschöpfungskette vom Handwerk über den Einzelhandel bis hin zu Dienstleistern und Zulieferern.

Mindestens genauso wichtig ist jedoch ein anderer Aspekt: Tourismus trägt maßgeblich zur Attraktivität eines Standorts bei. Unternehmen stehen heute in vielen Branchen vor der Herausforderung, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden. Dabei spielen nicht nur Arbeitsplatz und Gehalt eine Rolle, sondern auch die Lebensqualität vor Ort.

Kulturangebote, Gastronomie, Freizeitmöglichkeiten, attraktive Innenstädte und eine lebendige Region sind Faktoren, die Menschen bei ihrer Wohn- und Arbeitsplatzwahl zunehmend berücksichtigen. Deshalb ist Tourismus aus meiner Sicht kein Selbstzweck, sondern ein wichtiger Baustein für Standortattraktivität, Lebensqualität und wirtschaftliche Entwicklung.

Wo sehen Sie die Chancen für mittelständische Unternehmen, wenn sie sich der wirtschaftlichen Bedeutung von Tourismus widmen würden?

Zu den klassischen, touristischen Akteuren zählen Hotels, Ferienwohnungen, Gastronomiebetriebe oder Freizeitanbieter. Dabei wird jedoch häufig unterschätzt, wie viele weitere Branchen von dieser Nachfrage profitieren. Ein Hotel benötigt zum Beispiel laufend Waren, Dienstleistungen, technische Betreuung, Instandhaltung und zahlreiche weitere Leistungen. Davon profitieren Handwerksbetriebe, regionale Zulieferer, Dienstleister und viele weitere Unternehmen vor Ort. Tourismus schafft daher nicht nur direkte Wertschöpfung, sondern stärkt ganze regionale Wirtschaftskreisläufe. Gerade dieser Multiplikatoreffekt wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt. Tatsächlich reicht die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus weit über die klassischen touristischen Betriebe hinaus.

Wie eng ist die Zusammenarbeit zwischen Ihrer Organisation und der Wirtschaftsförderung Bonn und der Wirtschaftsförderung des Rhein-Sieg-Kreises?

Die Zusammenarbeit ist eng und von großer Bedeutung. Die Wirtschaftsförderungen der Bundesstadt Bonn und des Rhein-Sieg-Kreises sind über ihre Vertreterinnen eng in unsere Gremienarbeit eingebunden. Darüber hinaus gibt es regelmäßige Berührungspunkte bei Themen wie Standortentwicklung, Fachkräftegewinnung, Kongresswirtschaft und der Vermarktung der Region. Tourismus, Wirtschaftsförderung und Standortmarketing verfolgen zwar unterschiedliche Aufgaben, zahlen aber auf dasselbe Ziel ein: die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Region zu stärken.


Herr Letocha, vielen Dank für das Gespräch!

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