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Nachgefragt: Über das Husky-Prinzip und Teamführung in Krisenzeiten

Nachgefragt: Über das Husky-Prinzip und Teamführung in Krisenzeiten

»Interview
Vor ungefähr einem Jahr hat Dr. Schirmer sein Buch „Das Husky-Prinzip“ in der gmbhchef-Ausgabe November/Dezember 2019 vorgestellt. Es basiert auf dem Ansatz „Führung nach dem Prinzip der Freundschaft“. Dafür bediente er sich seiner Erfahrungen als Unternehmer (Apotheker) und Hundeschlittenführer (Musher) und zog die spezielle Beziehung als Metapher heran, um aufzeigen, was „Führen mit langer Leine und auf freundschaftlicher Basis“ an positiven Elementen und Ergebnissen im unternehmerischen Umfeld bewirken kann. Doch das Jahr 2020 hat aufgrund der Corona-Krise die Arbeitswelt verändert. Wie steht es also um das Husky-Prinzip? Hat es sich unter den erschwerten Bedingungen bewährt? Zeit nachzuhaken und mit Herrn Dr. Schirmer über die Auswirkungen, Erkenntnisse, Schutzmaßnahmen und natürlich Teamführung zu reden.

Herr Dr. Schirmer, seit unserem letzten Interview ist nun ein – sehr ereignisreiches – Jahr vergangen. Wie geht es Ihnen?
Danke, ganz gut. Mein Team und mich hat der Lockdown – wie ja alle stationären Handelsbetriebe in den Innenstädten – mit voller Breitseite erwischt. Die Innenstadt war phasenweise so leer wie sonst um vier Uhr in der Früh. Letztendlich waren genau zwei Geschäfte offen: die andere Apotheke und wir. Und da die meisten Ärzte – wie auch Apotheker – permanent auf allen sozialen Medien getrommelt haben: „Bleiben Sie zu Hause!“, „Gehen Sie NICHT zum Arzt!“ und „Nur in die Apotheke gehen, wenn es wirklich wichtig ist!“ etc., haben die Kunden diese Ratschläge angenommen und sind auf Online-Apotheken und „Dr.  Google“ ausgewichen. Leider haben sie dabei die Erfahrung gemacht, dass diese auch nicht so schlecht sind. Das wird uns noch lange nachhängen!

Corona hat die Arbeitswelt verändert. Wie wirkt sich das auf ihr Team aus?
Nun, in der Akutphase war die strikte Trennung des Teams aus Sicherheitsgründen notwendig. Jedoch hat das meinem Team und mir nicht gutgetan. Wir haben gemerkt, dass die permanenten Berührungs- und Kontaktpunkte ein wesentliches Element unserer internen Kommunikation sind. Die Rate der Missverständnisse – und damit die Konfliktpunkte – ist in dieser coronabedingten Trennung spürbar angestiegen. Seit der Beendigung dieses (hoffentlich) Ausnahmezustands geht es allerdings wieder bergauf.

Funktioniert das Husky-Prinzip auch in Corona-Zeiten? Oder haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen?
Und wie! Es ist sogar wichtiger denn je geworden!

Wenn die Kundenfrequenz und damit der Umsatz sich schlagartig halbiert, dann dämmert es auch dem letzten Mitarbeiter, dass seine Existenz auf dem Spiel steht. Und genau jetzt können beide Seiten ihre Qualitäten zeigen: Wenn die Arbeits-, Urlaubs- und Kurzarbeitsregelungen einvernehmlich getroffen werden, dann können beide Seiten die Sorgen und Nöte der anderen verstehen und aktiv dazu beitragen, dass keiner ins Bodenlose fällt. Genau jetzt war ich als Unternehmer und Führungskraft, der zwar existenzielle Angst verspürt, gefragt. Es war schwierig, dem Team zu verstehen zu geben, dass ich alles tue, um die Last auf alle Schultern zu verteilen, ohne dass dabei Einzelne in die Knie gehen.

Und umgekehrt haben die Mitarbeiter/innen unglaublichen Elan an den Tag gelegt, um diesem Entgegenkommen eine überdurchschnittliche Leistung entgegenzusetzen, damit die Kosten wieder reingeholt werden. Ich finde, die Krise des Lockdowns hat uns zunächst geschockt, dann angespornt und letztlich zusammengeschweißt.

Aber dieser Erfolg stellt sich nur mit einem zufriedenen und motivierten Team ein. Wie motiviert man also sein Team?
Gar nicht. Huskys müssen nicht motiviert werden, damit sie rennen, sie wollen das einfach. Es reicht in vielen Fällen schon, sich aus dem Weg zu gehen und nicht zu demotivieren. Wichtiger ist es als Musher, einerseits zu steuern aber gelegentlich auch mal zu bremsen, den großen Plan im Kopf zu haben – also Wetter, Route, Zeitplan, Fresspausen usw. –, aber auch auf Verletzungen, Konflikte oder Störungen von außen zu achten und zu reagieren.

Wenn meine Mitarbeiter wissen, dass ich sie und ihren Arbeitsplatz mit meinem persönlichen Aufwand (finanziell, sozial wie mental) verteidige, dann können sie all ihre PS nach vorne richten. Das Schlimmste ist, wenn man als Mitarbeiter im Hintergrund ständig an einem Plan B arbeitet, weil man dem jetzigen System nicht mehr traut. Dann geht ein Großteil der Energie und der Qualität verloren, und genau jetzt brauche ich als Unternehmer all diese Kraft.

Das setzt auch voraus, dass sich die Mitarbeiter geschätzt und sicher fühlen. Stichwort Schutzmaßnahmen: Wie kann man sich und sein Team schützen? 
Ich bin überzeugt, dass es eine Frage der Disziplin und Konsequenz ist. Daher ist es nach wie vor klug, die drei einfachen Maßnahmen konsequent zu beachten: Immer dann, wenn nicht ein Meter Abstand gehalten werden kann oder kein (Plexi-)Glas dazwischen ist, müssen Masken getragen werden, damit die Atemwolke des Gesprächspartners nicht zur Gänze inhaliert wird. Und wenn dazu alle halbe Stunde die Hände und Flächen desinfiziert werden, ist die Ansteckungsgefahr so weit minimiert, wie es im Rahmen eines geordneten Geschäftslebens möglich ist. Darüber hinaus bekommt jeder Mitarbeiter sowohl ein kostenloses Produkt zur Immunstärkung wie auch eine kostenlose Grippeimpfung zur Verfügung gestellt. Dann haben wir unser Möglichstes getan und müssen uns in keinem Falle Vorwürfe machen.

Das hört sich verantwortungsbewusst an. Aber wie geht man mit der Angst, die trotz aller Maßnahmen bei den Mitarbeitern noch vorhanden sein kann, als Chef um?
So wie eben gesagt, gibt es ein paar Maßnahmen, die das Eintrittsrisiko senken z.B. Hygiene und Abstand. Und es gibt ein paar Maßnahmen, die die Auswirkungen verringern, Stichwort Impfung und Immunstärkung.

Alles, was dann trotzdem passiert, ist gewissermaßen schicksalhaft. So wie im Straßenverkehr: Wenn mein Auto gut gewartet ist und ich als guter Fahrer entsprechende Vorsicht walten lasse, sinkt das Eintrittsrisiko für einen Unfall. Darüber hinaus Angst zu haben, bringt keinen Mehrwert, irgendetwas muss das Schicksal ja auch noch zu tun haben.

Gibt es neben den hygienisch-virologischen Maßnahmen auch so etwas wie psychologisch-mentale Maßnahmen, die uns durch die nächste Zeit helfen könnte?
Das ist eine gute Frage und sehr berechtigt! Wir haben ja gesehen, wie unterschiedlich schwer all die durchaus richtig gemeinten Maßnahmen die einzelnen Menschen, Berufsgruppen – ja auch Regionen und Nationen – getroffen haben. Während der öffentliche Bedienstete keine materiellen Sorgen hatte und stattdessen aber unter der Isolierung von seinen Eltern, Kindern oder Enkeln leiden musste, haben Handelsunternehmen, Künstler, die ganze Eventbranche und natürlich auch Hotellerie/Gastronomie und viele andere auch reale existenzielle Nöte erlebt. Schüler und Kleinkinder wiederum haben ein geradezu kollektives soziales Trauma ebenso zu verarbeiten wie Senioren in Heimen.

Bei vielen summiert sich dieses Ohnmachtsgefühl mit dem vorher schon vorhandenen Gefühl des zunehmenden Kontrollverlustes: Man kann den Eindruck bekommen, ständig von außen gegängelt und manipuliert zu werden. Ständig weiter wuchernde Vorschriften und Zwänge zwecks Datenschutz, politisch korrekter Ausdrucksweise und Genderkonformität
verstärken das Gefühl der Ohnmacht und geben allen möglichen Theorien genug Raum, wie man an all den durchaus inhomogenen und teils wirren Demonstrationen sehen kann.

Und wie könnte man handeln?
Ich glaube, dass die Not nicht überwunden ist und dass es im Moment mehr denn je ein gemeinsames Mutmachen braucht! Auch wenn es mir als Unternehmer im Moment schwerfällt, Optimismus zu verbreiten. Es ist meine Aufgabe als Führungskraft, meinen Mitarbeiter/innen genug Mut zu machen, dass sie mit ihrer Leistung zum Überleben beitragen können. Das ruft unglaubliche Energien wach.

Und umgekehrt machen mir meine Mitarbeiter/innen so viel Mut, wenn ich sehe, wie sie sich „hineinhängen“, um meine Firma voranzubringen.

Denn in drei Monaten fast alles wieder aufzuholen, was vorher verloren gegangen war, ist kein Verdienst der erhöhten Nachfrage – die ist schon längst ins Internet abgewandert –, sondern ein Verdienst der Kreativität, des Ideenreichtums und des persönlichen Einsatzes jedes einzelnen Teammitglieds. Es war unglaublich, was in diesen letzten Wochen, also nach der Schockphase, alles an Qualität und interner Verbesserung stattgefunden hat. Und das macht mich sehr dankbar.

Das Interview führte Julia K. Longhin.

Das Buch zum Thema
Klaus Schirmer
Das Husky-Prinzip
Von Leithunden, langen Leinen und Freundschaft in der Teamführung
Wiley-VCH Verlag
258 Seiten, 24,99 €
ISBN: 978-3-527-50981-2
Zur Person
Klaus Schirmer ist Apotheker, Unternehmer, Managementberater, Autor und Auditor. Neben seinem unternehmerischen Können, für das er mit seiner Team Santé Apotheke, Villach 2017 von „Great Place to Work“ zu Österreichs bestem Arbeitgeber gewählt wurde, gehört Klaus Schirmer zweifellos zu den „Praktikern“ unter den Keynote-Speakern. Klaus Schirmer redet Klartext, er kennt den Praxisbetrieb im Verkauf, er kennt die Höhen und Tiefen der Teamführung aus eigener Erfahrung und hat als Auditor einen originellen und glaubhaften Zugang zum Thema Lebensglück.
www.klausschirmer.com
Stand: 20.11.2020 10:29