Das durchschnittliche Zahlungsziel erreichte im 1. Halbjahr 2026 den höchsten Stand seit 2019. Zugleich erhöhte sich der Zahlungsverzug von KMU. In Bonn/Rhein-Sieg wird jede fünfte Rechnung zu spät bezahlt. Umso mehr kommt es auf ein konsequentes Liquiditätsmanagement an.
Die Wirtschaftslage in Deutschland ist seit Jahren angespannt. Die Situation ist alarmierend: Laut Frühsommer-Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) verschlechterte sich die Geschäftslage der Unternehmen gegenüber dem Jahresbeginn 2026 deutlich: Nur noch 23 Prozent der Betriebe bewerten ihre aktuelle Geschäftslage als “gut”, 26 Prozent hingegen als “schlecht”. Der Saldo aus diesen Einschätzungen sank um vier auf minus drei Punkte und damit auf den niedrigsten Wert seit der Corona-Pandemie.
Auch die Geschäftserwartungen brachen ein. 33 Prozent der von der DIHK befragten über 23.000 Unternehmen rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit schlechteren Geschäften, nur 13 Prozent mit besseren. Der Saldo der Geschäftserwartungen fiel damit gegenüber dem Jahresbeginn um elf auf minus 20 Punkte.
Immer mehr Unternehmen geraten in Existenznot. Dies spiegelt sich beispielsweise in stark steigenden Insolvenzzahlen wider. Plus 23 Prozent zwischen 2023 und 2024, plus 10 Prozent zwischen 2024 und 2025, plus 8 Prozent im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem ersten Halbjahr 2025.
Weitaus gravierender als der Insolvenz- ist der allgemeine Schließungstrend. Ende August erschien eine aktuelle Untersuchung von Creditreform Wirtschaftsforschung und Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW):
Demnach haben in Deutschland im vergangenen Jahr so viele Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Bundesweit wurden rund 188.000 Unternehmen geschlossen – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Lediglich rund 13 Prozent davon gingen auf Insolvenzverfahren zurück.
Besonders bitter: Anders als in früheren Jahren beenden nun auch eigentlich gesunde Firmen ihre Geschäftstätigkeit, wie die Untersuchung zeigt.
“Das geht zunehmend an die Substanz des Landes”, sagte Patrick-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung bei der Veröffentlichung des aktuellen Schließungsreports.
Dieser Trend sei nicht allein auf Finanzierungsschwierigkeiten zurückzuführen. Vielmehr handele es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: technologischer Wandel, zunehmender Wettbewerbsdruck und Arbeitskräftemangel.
Als weiteren Grund für die steigende Zahl der Firmenschließungen nennt die Untersuchung die demografische Entwicklung.
“Immer mehr Betriebe schließen, weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolgt mittlerweile aus Altersgründen – deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren”, sagt Dr. Sandra Gottschalk, Senior Researcher beim ZEW Mannheim.
Immer mehr Betriebe geraten ins Trudeln
Man muss aber nicht erst die Insolvenzen und Schließungen in den Blick nehmen. Dass immer mehr Unternehmen ins Trudeln geraten, zeigt sich bereits vorher.
Zum Beispiel beim Zahlungsverhalten. Wie eine im August 2026 vorgelegte Auswertung des Creditreform Debitorenregisters für deutsche Unternehmen zeigt, haben Lieferanten und andere Kreditgeber im Zuge der angespannten Wirtschaftslage ihre Zahlungsfristen ausgeweitet.
Dieser Trend lässt sich bereits seit längerem beobachten. Im ersten Halbjahr 2026 gewährten sie ihren Kunden durchschnittlich ein Zahlungsziel von 32,21 Tagen.
Das waren 0,75 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Vergleich zu 2023 haben Unternehmen inzwischen sogar gut zwei Tage mehr Zeit, die Forderungen zu begleichen. “Das ist eine Entlastung für die Betriebe, sie stehen finanziell unter Druck und können so ihre Liquidität zumindest ein wenig schonen”, sagt Jörg Rossen, Geschäftsführer Creditreform Bonn Trier.
Kleinunternehmen erhalten kürzere Zahlungsziele als große
Allerdings profitieren nicht alle Unternehmen im gleichen Maß von den gestreckten Zahlungszielen. Wie die Auswertung der Creditreform Wirtschaftsforschung zeigt, wurde Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten durchschnittlich ein Zahlungsziel von 35,51 Tagen gewährt – drei Tage mehr als 2023.
Kleinunternehmen dagegen wurde lediglich eine Zahlungsfrist von 26,37 Tagen eingeräumt – neun Tage weniger als bei großen Unternehmen.
Das ist für viele Betriebe dieser Größenordnung ein Problem. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) haben zunehmend Probleme, ihre Außenstände zu begleichen.
Der Zahlungsverzug von KMU ist laut der Creditreform-Auswertung im ersten Halbjahr 2026 deutlich angestiegen – ein weiteres Krisenzeichen.
Deren Lieferanten und Kreditgeber meldeten eine durchschnittliche Überfälligkeit von 10,52 Tagen bei kleinen und 10,66 Tagen bei mittleren Unternehmen. Das sind 0,78 respektive 1,87 Tage mehr als im Vorjahreszeitraum.
Große Unternehmen beglichen ihre Rechnungen dagegen lediglich mit einer durchschnittlichen Verzögerung von 6,71 Tagen – einem leichten Rückgang gegenüber dem 1. Halbjahr 2025. Das Problem ist immens, denn fast 80 Prozent aller Debitoren sind kleine Unternehmen.
Wie die Auswertung zeigt, lag die durchschnittliche Verzugsdauer überfälliger Rechnungen im ersten Halbjahr 2026 insgesamt bei 8,14 Tagen. Das entspricht einem leichten Anstieg gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 (7,89 Tage), ist aber immer noch weniger als 2022 (10,51 Tage) und 2023 (10,77 Tage).
Addiert man das durchschnittliche Zahlungsziel von 32,21 Tagen und die durchschnittliche Verzugsdauer von 8,14 Tagen, ergibt sich für das erste Halbjahr 2026 eine durchschnittliche Forderungslaufzeit von 40,35 Tagen.
Das ist ein Tag mehr als im Vorjahreszeitraum. Lieferanten mussten also entsprechend länger auf den Zahlungseingang für gelieferte Waren und erbrachte Leistungen warten.
Das dabei ausstehende Forderungsvolumen pro Schuldner hat sich allerdings weiter verringert. Im erstem Halbjahr 2026 lag es bei 19.564 Euro – rund 4.000 Euro weniger als noch vor zwei Jahren.
Stringentes Liquiditätsmanagement erforderlich
Je länger man auf Zahlungen warten muss, desto mehr gerät die eigene Liquidität unter Druck. Andererseits können verlängerte Zahlungsziele dabei helfen, dass die Forderungen überhaupt beglichen werden und man nicht erst aufwändig mahnen muss.
“Tatsache ist jedenfalls, dass für jedes Unternehmen ein stringentes Liquiditätsmanagement zu den vordringlichen Aufgaben gerade in Krisenzeiten gehören sollte”, betont Moritz von Padberg, Geschäftsführer Creditreform Köln.
Dabei dürfe man Geschäftspartnern durchaus entgegenkommen, etwa indem man im Bedarfsfall das Zahlungsziel verlängert. “Man muss jedoch prüfen, ob die eigene finanzielle Situation das überhaupt zulässt”, sagt er.
Und: “Wir empfehlen dringend, die eingeräumten Zahlungsziele von der Bonität der Geschäftspartner abhängig zu machen.”
Einfache Faustregel: Je besser die Bonität des jeweiligen Unternehmens, desto mehr kann man sich darauf verlassen, dass es zahlt.
Desto großzügiger darf also das Zahlungsziel sein. “Bei Geschäftspartnern mit schwächerer Bonität hingegen raten wir zu engen Zahlungszielen – und zu einem genauen Monitoring, ob auch wirklich gezahlt wird”, sagt Rossen.
Die Bonität der Geschäftspartner systematisch im Blick zu behalten ist dabei weitaus einfacher, als viele denken. Creditreform beispielsweise bietet dazu digitale Tools an.
Bonn/Rhein-Sieg: weniger überfällige Rechnungen, höhere Zahlungsverzugsdauer
Es wird immer Zahlungsverzögerungen und -ausfälle geben. Im Grunde geht es deshalb immer darum, die Chancen zu erhöhen, dass überhaupt gezahlt wird, und das Risiko zu minimieren, dass ausstehende Forderungen nicht überhandnehmen.
Dazu eine gute Nachricht aus der Region Bonn/Rhein-Sieg: Nach dem Höchststand des Vorjahres ist der Anteil überfälliger Rechnungen hier leicht von 21,8 auf 19,8 Prozent zurückgegangen. Dies zeigt die neueste Ausgabe der Studie “Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg” von Anfang September, die Creditreform Bonn Trier jährlich vorlegt.
Aufatmen kann man deshalb trotzdem nicht. Denn trotz des Rückgangs wird in der Region fast jede fünfte Rechnung nicht pünktlich beglichen. Außerdem bleibt die Zahlungstreue weiterhin deutlich hinter dem Bund zurück: Deutschlandweit liegt die Quote überfälliger Rechnungen bei 16,3 Prozent.
Ebenfalls negativ: Nach mehreren Jahren stabiler Zahlungsverzugsdauern hat sich die Situation in Bonn/Rhein-Sieg 2025 merklich verschlechtert.
Die durchschnittliche Zahlungsverzugsdauer stieg binnen Jahresfrist von 10,0 auf 11,5 Tage und erreicht damit den höchsten Wert seit 2020. Während sich die bundesweite Verzugsdauer im gleichen Zeitraum weiter auf 9,6 Tage verringerte, vergrößert sich der Abstand zwischen der Region und dem Bundesdurchschnitt auf 1,8 Tage.
Insgesamt zeigt sich also: Zwar ist der Anteil überfälliger Rechnungen in der Region Bonn/Rhein-Sieg gesunken, die überfälligen Rechnungen werden im Durchschnitt jedoch erst nach einer längeren Zeit ausgeglichen.
„Längere Verzugsdauern binden Liquidität über einen längeren Zeitraum und erhöhen somit den kurzfristigen Finanzierungsbedarf der betroffenen Unternehmen“, erklärt Jörg Rossen.
Die aktuelle Entwicklung auf Bundesebene zeigt jedenfalls, dass Lieferanten und Kreditgeber derzeit Kompromisse eingehen müssen. Sie räumen ihren Kunden mehr Zeit für die Begleichung offener Rechnungen ein.
Diese Strategie kann funktionieren, wie die derzeit vergleichsweise geringe Verzugsdauer und auch die vergleichsweise niedrigen Forderungsbestände zeigen. Allerdings müssen auch Lieferanten und Kreditgeber ihre Liquidität im Auge behalten, damit sie nicht selbst ins Trudeln geraten. Und: Die Lage könnte sich schnell verschlechtern, wenn die Konjunktur nicht bald wieder anspringt.
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Seit der Gründung im Jahr 1879 ist es das Ziel von Creditreform, Unternehmen vor Forderungsausfällen zu schützen, die Liquidität vernichten und den Fortbestand von Unternehmen gefährden. Dieser Maxime sind alle Lösungen und Angebote von Creditreform verpflichtet.
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