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Große Herausforderungen: Die Digitalisierung fordert den Mittelstand

Große Herausforderungen: Die Digitalisierung fordert den Mittelstand

Inzwischen wird es in den Medien fast flächendeckend aufgegriffen: Der deutsche Mittelstand steuert auf ein Problem zu. Es wird von fehlender Innovationskraft und fehlender Digitalisierung berichtet. Und das sind dramatische Erkenntnisse. Denn Deutschland lebt nicht von der Innovationskraft und Beschäftigungswirkung der Konzerne, sondern vom Mittelstand. Dabei steht die GmbH als mit Abstand häufigste Rechtsform in Deutschland an erster Stelle.

Nur wenige Länder der Erde dürften eine solche Ausprägung mittelständischer Unternehmen haben wie Deutschland. Hier finden wir die „Hidden Champions“, die in ihrem Segment oft den Weltmarkt dominieren. Warum dann aber diese düsteren Aussagen oder Prognosen?

(Digitaler) Wandel
Nun, jahrelang volle Auftragsbücher haben offenbar vielen Entscheidern in den Unternehmen etwas den Blick in die Zukunft verstellt. Jetzt beginnen die Probleme sichtbar zu werden. Die Anforderungen des Markts, immer schneller, immer transparenter, immer verlässlicher zu werden, kann nur mit Digitalisierung erreicht werden. Im B2C-Bereich nutzen insbesondere die jungen Menschen z.B. bei Beschaffungsvorgängen ihr Smartphone oder Tablet und wickeln den Vorgang rein digital ab. In aller Regel erhalten Sie innerhalb von Minuten eine Auftragsbestätigung und Versandhinweise. Davon sind die Unternehmen im B2B-Bereich noch weit entfernt. Hier wird sehr oft noch mit Papier-Bedarfsanforderungen gearbeitet. Eine Auftragsbestätigung geht per Post ein und es dauert Tage, bis sie da ist. Verstehen kann man das nur bedingt. Die Technologien für digitale Prozesse sind offenbar vorhanden, werden aber im Mittelstand kaum angewendet.

In einer Studie zum Stand der Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Mittelstand, die an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) durchgeführt wurde, wurde bei 155 Unternehmen der Digitalisierungsgrad von insgesamt 41 Kern- und Unterstützungsprozessen abgefragt (Abbildung 1).


Abbildung 1: Digitalisierungsgrade von Geschäftsprozessen

Wir wollten wissen, in welchem Digitalisierungsgrad diese Geschäftsprozesse heute in den Unternehmen ablaufen. Dabei wurden die Stufen 1 (in keinem Maße), Stufe 2 (in geringem Maße), Stufe 3 (in erheblichem Maße) und Stufe 4 (weitestgehend durchgängig) als Antwortmöglichkeiten angeboten. Aus den Einstufungen konnten so Digitalisierungsgrade ermittelt werden (siehe Abbildung 1). Dies soll kurz
am Beispiel Beschaffung erläutert werden. Zu Beschaffung wurden insgesamt sechs einzelne Prozesse abgefragt und die Stufen erfasst. Daraus wurde ein Mittelwert gebildet. Das Ergebnis zeigt, dass bei einem
Mittelwert von 2,18 der Digitalisierungsgrad der Beschaffung zwar am weitesten fortgeschritten ist, aber doch nur bei „in geringem Maße“ liegt.

Aber warum ist das so, was hindert die Unternehmen bislang an der Digitalisierung? Die von den Teilnehmern der Studie genannten Hinderungsgründe sind in Abbildung 2 aufgeführt.


Abbildung 2: Nennung der Hinderungsgründe zur Digitalisierung

Betrachten wir zunächst den Hinderungsgrund Nummer 1: Die Kosten der Digitalisierung werden als zu hoch eingeschätzt. Digitalisierung von Geschäftsprozessen ist ein sehr kleinteiliges Geschäft. Ein typisches Unternehmen hat hunderte Einzelprozesse, die hinsichtlich Digitalisierung betrachtet werden können. Und: das sind nicht nur die Prozesse der Fertigung, sondern insbesondere die Prozesse in der Administration (Kundenauftragsabwicklung, Bestellwesen, Personalmanagement, Rechnungswesen, etc.).

Nehmen wir ein naheliegendes Beispiel: den Rechnungseingang, ein Prozess der überall anfällt. In einem betrachteten Unternehmen sind für die Digitalisierung des Rechnungseingangs Investitionskosten von 25.000 € angefallen. Weiter fallen jährliche Wartungskosten (Software und Servicepauschale) von 5.000 € an. Bei einem Volumen von 15.000 Rechnungen pro Jahr, die digital erfasst werden, kommt da schnell eine Wirtschaftlichkeit heraus. Hätte das Unternehmen aber z.B. nur 1.000 Rechnungen pro Jahr, wären das Investitionsvolumen, Softwarelizenzen und Wartungskosten auch nicht kleiner. Eine
Wirtschaftlichkeit würde sich dann nicht
ergeben.

Fehlendes Know-how
Hinderungsgründe 2 und 3 sind fehlendes IT-Personal und fehlendes Know-how im Unternehmen. Um es vorweg klar zu sagen: die erforderliche Anzahl an IT-Personal können die Hochschulen gar nicht ausbilden. Und nicht jeder Digitalisierungsschritt muss von einer IT-Fachkraft konzipiert und eingeführt werden.

Auf der anderen Seite werden durch Digitalisierung in den administrativen Bereichen Stellen entfallen (siehe Abbildung 3). Das ist heute der personalstärkste Bereich in den Unternehmen. Die Mitarbeiter verrichten Routinetätigkeiten. Sie besitzen eine mittlere Qualifikation. Mittlere Qualifikationen zeichnen sich dadurch aus, dass trotz guten (hohem) Bildungsgrads (mindestens dreijährige abgeschlossene Berufsausbildung) im Beruf Tätigkeiten mit nur durchschnittlichem Anforderungsgrad durchgeführt werden. Der Grad der Handlungskompetenz ist nur durchschnittlich. Das bedeutet, dass nach vorgegebenen Mustern gearbeitet wird, aber keine explizite Lösungsfindung gefordert wird. Diese Mitarbeiter sind in der Lage, ihre Handlungen zu reflektieren und Verantwortung für diese zu übernehmen.


Abbildung 3: Die Verlierer der Digitalisierung

Genau für solche Routinetätigkeiten sind inzwischen viele technische Lösungen entwickelt worden. Robotic Process Automation (RPA) soll hier nur stellvertretend für viele weitere Lösungen aufgeführt werden. In Konsequenz bedeutet das, dass Beschäftigte mit dieser mittleren Qualifikation durch Digitalisierung gefährdet sind. Sie sind die potenziellen Verlierer. In Abbildung  3 ist der typische heutige Qualifikationsverlauf (durchgezogene Linie) und der durch die Digitalisierung zu erwartende Qualifikationsverlauf (strichpunktierte Linie) eines Unternehmens dargestellt. Der konvexe Verlauf wird konkav! Hier sind die Verlierer der Digitalisierung zu verorten.

Aber wie damit umgehen? Das ist nun die nächste Herausforderung für den mittelständischen Betrieb: welche Mitarbeiter sind von welchem Digitalisierungsschritt betroffen? Langjährig Beschäftigte einfach dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen ist insbesondere bei Familienbetrieben kein gangbarer Weg. Insbesondere dann, wenn auf der anderen Seite vermehrt höhere Qualifikationen erforderlich sind. Es stellt sich also die Frage, wie viele der betroffenen Mitarbeiter man mit welchen Maßnahmen auf eine höhere Qualifikationsstufe bringen kann. Das ist eine Herausforderung, aber eben auch eine Chance. Und das muss von den Unternehmen dringend angegangen werden. Die Digitalisierung kennt kein „richtig“ oder „falsch“, sondern nur ein „schnell“ oder „langsam“. Und Langsamkeit kann dann zum Verhängnis werden.

Zur Person

Prof. Dr. Ing. Gerrit Sames lehrt im Fachgebiet Wirtschaft an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen und ist gleichzeitig
Vorstandsmitglied des Smart Electronic Factory e.V
Stand: 31.03.2020 11:59