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Wirtschaftsstandort Bonn/Rhein-Sieg: Der Wind wird rauer

Wirtschaftsstandort Bonn/Rhein-Sieg: Der Wind wird rauer

Zum zweiten Mal hat Creditreform Bonn eine Studie zur Wirtschaftsdynamik in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis vorgelegt. Die detaillierte Bestandsaufnahme zeigt: Mehr Firmen als bisher können ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen, auch die Zahl überfälliger Rechnungen ist gesunken. Bei Wachstum und Gründungen mangelt es hingegen an Dynamik. Einzige Ausnahme: die prosperierende IT-Wirtschaft.

Die Wirtschaftsdynamik in der Stadt Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis hat spürbar nachgelassen. Es mehren sich die Indizien, dass der Wind im Standortwettbewerb rauer geworden ist für die ehemalige Hauptstadtregion. Andere Städte holen auf oder ziehen sogar vorbei, wie die vor einigen Wochen vorgestellte Studie „Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg 2015“ zeigt. Mit ihr schreibt Creditreform Bonn ihre vor einem Jahr erstmals vorgestellte Pionierstudie fort und legt zum zweiten Mal eine umfassende Bestandsaufnahme der Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg vor.

Dabei nimmt die Untersuchung den Standort anhand von Kriterien wie dem Zahlungsverhalten der Firmen, deren Eigenkapitalausstattung und Ertragskraft unter die Lupe und widmet sich überdies dem Wachstum sowie dem Gründungsgeschehen.

Wirtschaftsstruktur
Nichts geändert hat sich an der Wirtschaftsstruktur der Region: Sie ist kleinteilig und vielseitig. Gut vier von fünf Unternehmen erzielen einen Jahresumsatz von unter 500.000 €. Schwerpunktbranchen sind Dienstleistungen und Handel. Das produzierende Gewerbe ist dagegen unterrepräsentiert.

Risikoprofil
Seit 2013 sinkt die Ausfallgefahr der Unternehmen in Bonn/Rhein-Sieg. Zum Jahresende 2015 konnten nur knapp 1,8% der dortigen Unternehmen ihren Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nachkommen. Allerdings liegt die Region damit erstmals über dem Bundesdurchschnitt: In Deutschland betrug die Quote lediglich 1,6%.

Auffällig ist zudem, dass die Ausfallquote bei den Kleinstunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 500.000 € mit knapp 2% ebenfalls über dem bundesweiten Schnitt (1,76%) liegt und dass sie bei den Firmen mit bis zu 1 Mio. € Jahresumsatz gegenüber 2014 von 0,71 auf 0,99% kräftig gestiegen ist. Zudem haben einige für Bonn/Rhein-Sieg wichtige Branchen wie wirtschaftliche und sonstige Dienstleistungen sowie das Gesundheits- und Sozialwesen nachgelassen – ihre Ausfallwahrscheinlichkeit ist in der hiesigen Region nun höher als in Deutschland.

Bonn/Rhein-Sieg liegt nur noch im Mittelfeld der Vergleichsstädte. Hamburg, München, Düsseldorf und Frankfurt/Main schneiden teils deutlich besser ab.

Finanzielle Risikotragfähigkeit
Anders als im Bund ist in Bonn/Rhein-Sieg die durchschnittliche Eigenkapitalquote zwischen 2012 und 2013 (neuere Zahlen gibt es nicht) rückläufig. Auch in den Jahren zuvor lag sie stets unterhalb der durchschnittlichen Eigenkapitalquote aller Unternehmen in Deutschland. Diesmal klafft zwischen der hiesigen (21,5%) und der deutschen Quote (27,4%) allerdings eine erhebliche Lücke.

Bei der Gesamtkapitalrendite liegt Bonn/Rhein-Sieg mit 6,1% hingegen über dem Bundesdurchschnitt (5,5%), allerdings ist die Zahl das zweite Jahr in Folge rückläufig.

Zahlungsverhalten
Bei diesem wichtigen Strukturfaktor schneiden Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis gut ab. Seit dem dritten Quartal 2011 sinkt der Anteil überfälliger Rechnungsbelege fast kontinuierlich. Mit einer Quote von 17,9% – über 2% weniger als bundesweit – erreichte der Anteil im Schlussquartal 2015 den bisherigen Tiefststand.

Abgenommen hat auch die durchschnittliche Zahlungsverzugsdauer. Sie betrug Ende 2015 fast genau zehn Tage – der zweitniedrigste Wert seit vielen Jahren. Im Städtevergleich liegt Bonn/Rhein-Sieg damit bei den überfälligen Rechnungen auf Platz drei, bei der Zahlungsverzugsdauer im Mittelfeld.

Wachstum
Dies ist die Kategorie, in der die ehemalige Hauptstadtregion am schwächsten abschneidet. Zusammen mit Düsseldorf ist Bonn/Rhein-Sieg die einzige Region im Vergleich, in der das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2012 zurückgegangen ist – mit -1,7% sogar beträchtlich. 2013 (neuere Zahlen liegen nicht vor) wuchs das BIP zwar wieder um 0,5%, doch dieser schwache Anstieg wurde in sämtlichen Vergleichsstädten übertroffen. In München zum Beispiel stieg das BIP 2013 um 4,3%. Auch das reale BIP pro Kopf fällt in Bonn/Rhein-Sieg vergleichsweise niedrig aus – Platz sieben im Achtervergleich.

Gründungsgeschehen
Die Gründungsdynamik ist in allen Großstädten des Städtevergleichs höher als in der Bonner Region. Besonders groß ist der Abstand zu Hamburg, aber auch andernorts scheint ein deutlich günstigeres Gründungsklima mit attraktiveren Rahmenbedingungen zu herrschen. Immerhin: In Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis scheitern weniger Gründer als in den meisten Vergleichsstädten.

IT-Wirtschaft
Zu den Stärken der Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg zählt die hohe Präsenz der IT-Wirtschaft. Ihr Anteil am Unternehmensbesatz hat zwischen 2010 und 2015 fast kontinuierlich zugenommen und liegt aktuell bei 3,3%. In Deutschland insgesamt sind es lediglich 2,5%. Die Ausfallquote in dieser Branche ist in der hiesigen Region mit aktuell 0,87% deutlich niedriger als deutschlandweit (1,24%).

Die Eigenkapitalquote ist von 2012 auf 2013 zwar gesunken, dafür erreichte die Gesamtkapitalrendite 2013 mit 9,7% einen Topwert. Bonn/Rhein-Sieg ist das einzige IT-Cluster in Deutschland, das bei beiden Werten über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Auch in Sachen Gründungen zeigt sich die IT-Wirtschaft in Bonn und Rhein-Sieg dynamischer als die Gesamtwirtschaft in der Region und in Deutschland. Der Anteil der IT-Neugründungen an allen IT-Firmen beträgt hier rund 2,7% – gegenüber zirka 1,8% bei der regionalen Gesamtwirtschaft.

Interview
Im Auftrag von Creditreform Bonn hat die Creditreform Rating AG aus Neuss vor einigen Wochen zum zweiten Mal die Wirtschaftsdynamik am Standort Bonn/Rhein-Sieg unter die Lupe genommen. Die Creditreform Rating AG ist als europäische Rating-Agentur Spezialist für die Einschätzung von Kreditrisiken und bietet Dienstleistungen für Kapital- und Kreditgeber in Form von Ratings und Risikomanagement-Lösungen.

Über die aktuelle Untersuchung „Wirtschaftsdynamik in der Region Bonn/Rhein-Sieg 2015“ sprach gmbhchef mit Jörg Rossen, persönlich haftender Gesellschafter der Creditreform Bonn Domschke & Rossen KG, und Dr. Benjamin Mohr, Chefvolkswirt der Creditreform Rating AG.

Herr Rossen, regelmäßig veröffentlichen unterschiedliche Institutionen, etwa die IHK Bonn/Rhein-Sieg, Analysen zum Wirtschaftsstandort Bonn/Rhein-Sieg. Braucht es da eine weitere regelmäßige Untersuchung?
Jörg Rossen: In der Tat befassen sich verschiedene Untersuchungen und regelmäßige Städterankings mit der Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg. Die Region gilt als solider, prosperierender Wirtschaftsstandort. Auch lässt sich von der zentralen Lage, der Anwesenheit wichtiger Dax-Konzerne und vieler anderer Unternehmen, der hohen Akademikerdichte oder dem stetigen Zuzug von Menschen auf die Dynamik des Wirtschaftsstandorts schließen.

Um dessen Güte aber wirklich beurteilen zu können sind unseres Erachtens zusätzliche Kriterien hilfreich – und zu den meisten davon gab es bisher keine einzige Erhebung.

Welche Kriterien sind das?
Dr. Benjamin Mohr: Welche Firmen – nach Branche und Größenklasse – sind überhaupt ansässig? Wie ist es um deren Risikoprofil bestellt? Wie viele von ihnen verfügen über eine ausreichende Bonität? Und wie steht es um die Ausfallquote in den Branchen, die in Bonn und Rhein-Sieg besonders stark vertreten sind und im Fokus stehen, also etwa die Branchen-Cluster IT-Wirtschaft und Gesundheitswirtschaft?

Jörg Rossen: Und weiter: Sind die hiesigen Firmen ausreichend mit Eigenkapital ausgestattet? Zahlen sie ihre Rechnungen innerhalb des vereinbarten Zeitrahmens? Die Antworten auf Fragen wie diese ergeben Kennzeichen für die Güte und Dynamik eines Wirtschaftsstandorts. In dieser Hinsicht leistete unsere vergangenes Jahr erstmals vorgelegte Untersuchung Pionierarbeit.

Welche Absicht verfolgen Sie mit Ihrer Untersuchung?
Dr. Benjamin Mohr: Wir wollen eine stimmige Bestandsaufnahme der Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg vornehmen. Wo steht der Wirtschaftsstandort? Und wie hat sich die dortige Wirtschaft seit 2010 entwickelt? Dazu werten wir das Creditreform-Datenuniversum und ergänzende Quellen jährlich nach den genannten Kriterien aus. Dabei richten wir den Blick zusätzlich auf das Wachstum sowie das Gründungsgeschehen, zwei weitere wesentliche Aspekte zur Beurteilung der Wirtschaftsdynamik. Die jeweilige Vorjahresstudie nutzen wir überdies zum direkten Vergleich der Entwicklung.

Welches sind Ihre wesentlichen aktuellen Erkenntnisse?
Jörg Rossen: Vorweg: Die Ergebnisse unser diesjährigen Untersuchung erlauben erneut eine genaue Analyse von Stärken und Schwächen der Wirtschaftsregion Bonn/Rhein-Sieg – und zudem den direkten Vergleich mit wichtigen ausgewählten Großstädten in Deutschland. Die wichtigste diesjährige Erkenntnis lautet: Der Wind ist rauer geworden.

Bonn/Rhein-Sieg hat bei wichtigen Kennziffern nachgelassen – absolut, aber auch im Städtevergleich. Dies gilt zum Beispiel für so wichtige Aspekte wie Wachstum und Gründungen. Als positiv lässt sich festhalten: Die Quote derjenigen Firmen, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können, sowie die Zahl überfälliger Rechnungen und die Verzugsdauer sind gesunken. Aber wirklich gute Botschaften können wir zurzeit nur zur IT-Wirtschaft verkünden.

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